Warum eine Volksgruppe länger lebt – und dabei jung bleibt

Der Journalist keuchte. Er war nicht besonders fit, versuchte aber dennoch, Schritt zu halten mit der sportlichen Interviewpartnerin. Hulda hatte ihn auf ihre morgendliche Jogging- Tour mitgenommen – und hängte ihn locker ab. Es war schon peinlich genug, dass eine Frau ihn überflügelte. Aber was noch schlimmer war: Diese Frau war dreimal so alt wie er: Sie hätte nicht nur seine Mutter oder Großmutter, sondern seine Urgroßmutter sein können!

Hulda Crooks war ein Phänomen. Im stolzen Alter von 91 Jahren war sie noch fit genug, um innerhalb eines Jahres den Fuji in Japan (3.776 m) und Mount Whitney, den höchsten Berg der USA, zu besteigen. Noch nie hatte eine Frau ihres Alters diese beiden Berge gemeistert.

Hulda Crooks war ein Phänomen. Im stolzen Alter von 91 Jahren war sie noch fit genug, um innerhalb eines Jahres den Fuji in Japan (3.776 m) und Mount Whitney, den höchsten Berg der USA, zu besteigen. Noch nie hatte eine Frau ihres Alters diese beiden Berge gemeistert.

Hulda Crooks war ein Phänomen. Im stolzen Alter von 91 Jahren war sie noch fit genug, um den Fuji in Japan (3.776 m) zu besteigen. Im selben Jahr bestieg sie Mount Whitney, den höchsten Berg der USA. Noch nie hatte eine Frau ihres Alters diese beiden Berge gemeistert. Mount Whitney (4.421 m) hatte sie bereits 23-mal bezwungen. Als sie es das erste Mal tat, war sie 66 Jahre alt. Mit 72 bestieg sie den Viereinhalbtausender sogar zweimal innerhalb von zwei Wochen – einmal sogar nachts! Das war mit einer Gruppe von fünf Teenagern, die den Sonnenaufgang vom Gipfel aus erleben wollten. Das zweite Mal war es mit ihren Brüdern Ed (75) und Chris (77).
„Grandma Whitney“, wie sie liebevoll genannt wurde, war Thema zahlreicher Dokumentationen in Zeitschriften und im Fernsehen – auch wegen ihrer überragenden Kenntnisse auf dem Gebiet der gesunden Ernährung. Sie bezwang jeden höheren Berg in Kalifornien, und zwar in einem Alter, in dem andere auf den Tod warten. Sie hielt acht Weltrekorde für Frauen über 80, z. B. im Marathonlauf. Auch siegte sie in ihrer Altersklasse bei anderen großen Straßenläufen.
„Gute Gesundheit ist kein Zufall“, sagte sie. „Es geht auch nicht nur um Ernährung und körperliches Training, sondern um einen ganzheitlichen Lebensstil.“ Sie war so berühmt, dass man einen Gipfel (südlich von Mount Whitney) nach ihr benannte: Crooks Peak. Sie starb im Jahr 1997 in ihrer Heimatstadt Loma Linda, und zwar im „rüstigen Alter“ von 101 Jahren.

Erstaunlicherweise ist Hulda Crooks in Loma Linda nicht die Einzige, die die Welt mit ihrer geradezu unglaublichen Fitness bis ins hohe Alter verblüfft. Gerade hier leben bemerkenswert viele Hundertjährige. Die Lebenserwartung einer bestimmten Volksgruppe im südlichen Kalifornien liegt bis zu 10 Jahre höher als die der allgemeinen Bevölkerung.
Dr. Ellsworth Wareham ist ein weiteres Beispiel für diese ungewöhnliche Vitalität. Im Alter von 70 Jahren ging er in den wohlverdienten „Ruhestand“. Er war bis dahin leitender Herzchirurg an der Loma Linda Universität. Allerdings handelte es sich bei ihm um einen äußerst ungewöhnlichen Ruhestand. Denn mit 95 Jahren stand er immer noch am OPTisch und assistierte bei Operationen am offenen Herzen: keine zitternden Hände, keine schwachen Augen. Drei bis fünf Operationen pro Woche mit einer Operationsdauer von je drei bis sechs Stunden waren für ihn normal. Wer ihn reden hört, denkt nicht an einen „Greis“, sondern einen voll im Leben stehenden produktiven Mann mit Humor und einem scharfen Verstand.

Wenn es um Langlebigkeit und Gesundheit geht, ragen weltweit einige Volksgruppen besonders heraus. Haben sie einfach nur bessere Gene, oder was ist es, das diese Menschen gesünder sein und viele Jahre länger leben lässt als andere? Sie alle haben nur einen Bruchteil der typischen Zivilisationskrankheiten und ein niedrigeres biologisches Alter: Im Pass mag 70 oder 80 oder 90 stehen, aber ihr Körper funktioniert wie ein deutlich jüngerer. Sie fühlen sich oft „zwanzig Jahre jünger“. Sie leben den Traum vieler Menschen. Was ist ihr Geheimnis? Wissenschaftler haben sich auf die Suche nach dem „Jungbrunnen“ gemacht. In dem Buch The Blue Zone von Dan Buettner, das im Jahr 2008 in den USA erschien, werden vier geographische Regionen mit einer hohen Zahl von Hundertjährigen vorgestellt. Die Menschen dieser Volksgruppen sind deutlich gesünder und fitter als die übrige Weltbevölkerung. Sie leben 1. in Sardinien, 2. in Okinawa, 3. auf der Nicoya-Halbinsel in Costa Rica und 4. in der kalifornischen Ortschaft Loma Linda.

Während die ersten drei Bevölkerungsgruppen ethnische Gruppen sind, die dadurch auffallen, dass ihre Ernährungs- und Lebensweise besonders gesund ist, gibt es bei der vierten Gruppe, nämlich der aus Kalifornien, einen entscheidenden Unterschied: Bei ihnen handelt es sich nicht um eine relativ abgeschiedene, traditionell lebende ethnische Gruppe, sondern um Personen, die inmitten der Zivilisation der Vereinigten Staaten leben und dennoch eine Oase der Langlebigkeit bilden. In den eher für McDonald‘s, Junkfood und extremes Übergewicht bekannten USA erstaunt dies besonders. In Loma Linda – innerhalb der Smog-Zone von Los Angeles gelegen – würde niemand ein Gesundheitsparadies vermuten. Aber nicht alle Bewohner Loma Lindas fallen in dieselbe Kategorie. Der gemeinsame Nenner dieser besonders herausstechenden Bevölkerungsgruppe, die den Rest der Amerikaner in Bezug auf Gesundheit und Langlebigkeit bei Weitem überflügelt, ist die Zugehörigkeit zu einer Kirche: Es sind Siebenten- Tags-Adventisten (STA). Schon seit Jahrzehnten ziehen sie immer wieder die Aufmerksamkeit von Forschern weltweit auf sich. Es handelt sich um dieselbe Kirche, der auch Hulda Crooks und Dr. Wareham angehören.

National Geographic griff das Thema der besonders gesunden Bevölkerungsgruppen ebenfalls auf. Das war in der Novemberausgabe des Jahres 2005. Damals beleuchtete man den Zusammenhang zwischen Gesundheit und dem für Adventisten typischen Lebensstil. Hier wird deutlich: Es geht den Adventisten nicht einfach nur darum, möglichst alt zu werden und dann aufgrund der vielen „Zipperlein“ eher zu leiden als zu leben. Vielmehr geht es ihnen um echte Lebensqualität bis ins hohe Alter. Alt werden und jung bleiben ist die Devise. Dan Buettner fiel bei seinen Recherchen auf, dass unter den Hundertjährigen, die er für seine Studien besuchte, kein einziger schlecht gelaunt oder griesgrämig war. Dadurch, dass die Adventisten in Loma Linda ein großes Universitätskrankenhaus und Gesundheitszentrum betreiben, leben hier besonders viele Adventisten. Tatsächlich kann man hier viele „alte“ Menschen treffen, die alles andere als verkalkt sind. Sie sind agil und fit, spielen Basketball, arbeiten im Garten, setzen sich aktiv für andere ein und genießen das Leben.

Kürzlich lief im öffentlichen Fernsehen (PBS) der USA sogar ein längerer Dokumentarfilm über die Gesundheit und medizinischen Leistungen der Adventisten. Sein Titel: The Adventists. Er zeigt u. a. die Zusammenhänge zwischen der hohen Lebenserwartung und Lebensqualität der Adventisten einerseits und ihren Glaubensüberzeugungen andererseits. Der Streifen zeigt ferner, dass diese protestantischen Christen – viele von ihnen ernähren sich vegetarisch – den Menschen als eine Einheit aus Leib, Seele und Geist sehen. Die dem Menschen von Gott angebotene Erlösung, so die Adventisten, sei ein auf Ganzheitlichkeit ausgerichtetes Konzept und beginne nicht erst im Jenseits. Krankheit oder Gesundheit habe immer Auswirkungen auf alle Aspekte des Menschseins. Deshalb ist dieser Ansatz, der den ganzen Menschen umfasst, Teil ihres praktischen Lebens als Christen.

Der Loma-Linda-Universität liegt eine gute Autostunde östlich von Los Angeles. Die medizinische Fakultät, speziell auch das Herzzentrum, genießt einen ausgezeichneten Ruf.

Der Loma-Linda-Universität liegt eine gute Autostunde östlich von Los Angeles. Die medizinische Fakultät, speziell auch das Herzzentrum, genießt einen ausgezeichneten Ruf.

Es verwundert daher auch nicht, dass sich Adventisten – als einzelne und als Organisation – stark im Bereich Gesundheit engagieren. „Jesus hat Kranke geheilt“, so ihr Argument, „deshalb tun wir das auch.“ Weltweit betreibt die Kirche annähernd 400 Krankenhäuser, Gesundheitszentren, Kliniken und Sanitätsstationen. Medizintechnisch gehören viele dieser Einrichtungen zu den fortschrittlichsten der Welt. Die Loma-Linda-Universität ist beispielsweise weltweit führend in der Herztransplantation bei Kindern und betreib den weltweit ersten Protonenbeschleuniger zur Behandlung von Krebs. Mehrere Hospitäler stechen hervor durch ihre roboterunterstützte Chirurgie. Doch es geht nicht nur um Heilung. Viel wichtiger noch ist die Prävention – Krankheiten gar nicht erst entstehen zu lassen. Dazu tragen weltweit 20 Gesundkost- Fabriken sowie eine große Zahl von Gesundheitsexpos und -messen, Gesundkostläden und vegetarischen Restaurants bei. Auch Programme zur Raucherentwöhnung und andere Maßnahmen zur Suchtbekämpfung werden weltweit mit großem Erfolg durchgeführt.

Das Herz-Team der Loma-Linda-Universität bei der Arbeit. Die Ärzte haben es sich zur Gewohnheit gemacht, einmal im Jahr in ein Land der 3. Welt zu reisen, schwierige Fälle zu operieren und ihr Wissen an dortige Ärzte weiterzugeben.

Das Herz-Team der Loma-Linda-Universität bei der Arbeit. Die Ärzte haben es sich zur Gewohnheit gemacht, einmal im Jahr in ein Land der 3. Welt zu reisen, schwierige Fälle zu operieren und ihr Wissen an dortige Ärzte weiterzugeben.

In Bezug auf ihre eigene Gesundheit sind die Siebenten-Tags-Adventisten die am häufigsten untersuchte Bevölkerungsgruppe der Welt. Etliche Studien versuchten herauszufinden, welche Faktoren es sind, die die Adventisten in ihrem Lebensstil von anderen unterscheiden und die verantwortlich sind für ihre bessere Gesundheit.
Bereits im Jahr 1958 begann eine der ersten größeren Studien dieser Art. Bei ihr ging es um die Sterblichkeit der Adventisten. Im Rahmen dieser Untersuchung wurden Zehntausende von kalifornischen Adventisten über einen Zeitraum von fünf Jahren (plus Follow-up) untersucht. Die Ergebnisse zeigten bemerkenswert niedrige Sterberaten aufgrund von Krebs und Erkrankungen der Herzkranzgefäße. Allein diese zwei Killer sind verantwortlich für bis zu drei Viertel aller Todesfälle in den USA. Im Vergleich zu kalifornischen Nichtadventisten lagen die Raten im Schnitt zwischen 60 und 98 % niedriger. Die Studie belegte außerdem – als eine der ersten ihrer Art – die gefährlichen Auswirkungen des Rauchens auf die Gesundheit.

In den Jahren 1974-1988 schloss sich die Adventist Health Study an. Sie untersuchte ca. 34.000 kalifornische Adventisten. Hierbei ging es darum, die entscheidenden Kriterien im adventistischen Lebensstil herauszufiltern. Es ging um Faktoren, die vor bestimmten Krankheiten schützen. Dazu wurden auch Adventisten untereinander verglichen: Vegetarier mit Nichtvegetariern etc., denn nicht alle Adventisten leben konsequent vegetarisch. Fünf Kriterien schienen zu der um 10 Jahre höheren Lebenserwartung besonders beizutragen:

• Nichtrauchen
• Pflanzenbasierte Ernährung
• Verzehr von Nüssen mehrmals pro Woche
• Regelmäßige sportliche Betätigung
• Normales Körpergewicht

Weitere wichtige Faktoren ihrer gesunden Ernährung waren laut Studie der Verzehr von Hülsenfrüchten, Tomaten und Vollkornbrot sowie das Trinken von Sojamilch und reichlich Wasser. Jeder einzelne dieser Ernährungsfaktoren bewirkte jeweils rund 50% weniger Herzerkrankungen oder bis zu 70% weniger Krebserkrankungen.
Im Jahr 2002 begann die zweite adventistische Gesundheitsstudie. Die Endauswertung steht noch aus. An ihr beteiligten sich knapp 100.000 adventistische Gemeindeglieder aus allen Bundesstaaten der USA und aus Kanada. Die Zahl 100.000 entspricht rund 10 % der in Amerika lebenden Adventisten. Auch wenn noch nicht alle Ergebnisse vorliegen: Schon jetzt lassen sich einige Erkenntnisse benennen. Bei Diabetes Typ 2 und bei Übergewicht sind die Zahlen umso besser, je stärker die Ernährung auf Pflanzen basiert.

Wichtige Bestandteile in der Ernährung der langlebigen Adventisten sind Nüsse, Hülsenfrüchte, Vollkorngetreide sowie Obst und Gemüse. Viel Wasser trinken ist ein weiterer Faktor. Sie haben im Schnitt bis zu 76% weniger Herzerkrankungen und bis zu 98% weniger Krebs.

Wichtige Bestandteile in der Ernährung der langlebigen Adventisten sind Nüsse, Hülsenfrüchte, Vollkorngetreide sowie Obst und Gemüse. Viel Wasser trinken ist ein weiterer Faktor. Sie haben im Schnitt bis zu 76% weniger Herzerkrankungen und bis zu 98% weniger Krebs.

Dr. Gary Fraser, Leiter der zweiten Adventist Health Study, wurde die Frage gestellt, welche Dinge er als die wichtigsten Faktoren für ein gesundes, langes Leben betrachtet. Neben den bereits genannten Faktoren wie Nichtrauchen, pflanzenbasierte Ernährung und Verzehr von Nüssen wies er auf die weitreichenden Gefahren des Alkoholkonsums hin. Außerdem sagte er: „Es gibt sehr, sehr starke Beweise dafür, dass ein konsequentes Glaubensleben echte Vorteile in Bezug auf Langlebigkeit und wahrscheinlich auch Krankheiten wie koronare Herzkrankheit hat.“
Das Typische an der adventistischen Lebensweise ist die Ganzheitlichkeit ihres Ansatzes. Erst das Zusammenspiel verschiedener Elemente bewirkt die herausragenden Ergebnisse. Das Geheimnis liegt in der Wechselwirkung der verschiedenen Faktoren. In den 1970er Jahren wollten die Begründer eines neuen adventistischen Gesundheitszentrums im kalifornischen Weimar die bereits bestehenden Gesundheitsgrundsätze der Adventisten in einem griffigen Konzept zusammenfassen. Dazu prägten sie das Akronym NEWSTART (Neuanfang). Jeder der Buchstaben steht für einen Aspekt des gesundheitlichen Gesamtkonzepts:

Nutrition
Exercise
Water
Sunshine
Temperance
Air
Rest
Trust in God

Übersetzt stehen diese Begriffe für Ernährung, Bewegung, Wasser, Sonne, Mäßigkeit, Luft, Erholung, Gottvertrauen. Weltweit ist der Begriff NEWSTART zu einem Synonym für gesundes Leben und Heilung mit natürlichen Mitteln geworden (zu Details siehe Extrateil “Die acht Ärzte der Natur”, S. 88- 91). Die adventistischen Ärzte und Gesundheitsexperten weisen darauf hin, dass der Lebensstil, der sich aus der Befolgung dieser acht Gesundheitsprinzipien ergibt, für sämtliche Krankheitszustände positive Auswirkungen hat. Er hat sowohl eine stark vorbeugende Wirkung als auch das Potential zur Heilung. Tatsächlich wird die Richtigkeit dieses Lebensstilansatzes durch zahlreiche neuere wissenschaftliche Arbeiten untermauert.
Die naheliegenden Fragen, die an dieser Stelle auftauchen, lauten: Warum setzen diese Menschen die Erkenntnisse der Wissenschaft, die heute aktuell sind, mit solcher Konsequenz um? Und seit wann tun sie das? Das Bemühen um ein gesundes Leben ist bei ihnen regelrecht Bestandteil ihrer Glaubensüberzeugungen, die ansonsten in vieler Hinsicht als traditionell biblisch-protestantisch, ja, lutherisch, bezeichnet werden können. Spielt die Wissenschaft eine so dominante Rolle in ihrem Glaubensgebäude? Der Zusammenhang ist ein ganz anderer, und das ist eine Überraschung.

Ein großer Teil der wissenschaftlichen Erkenntnisse, die die Richtigkeit dieses Programms belegen, ist erst in jüngerer Zeit entdeckt worden. Davor ging man in der Wissenschaft nicht selten von ganz anderen, sogar gegenteiligen Erkenntnissen oder Prinzipien aus. Erst nach und nach erwiesen sich die adventistischen Grundsätze als korrekt. Siebenten-Tags-Adventisten kennen diese Gesundheitsprinzipien jedoch bereits seit ca. 150 Jahren. Auch wenn nicht jeder Adventist sie umsetzt oder vollständig befolgt, sind sie doch – zumindest in der Theorie – Teil ihrer Überzeugungen. Bereits im Jahr 1863 (!) hatten Adventisten diese heute hochaktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse. Damit hielten sie, wie manche von ihnen gerne betonen, schon damals den Schlüssel zur Vermeidung und Heilung fast aller modernen Zivilisationskrankheiten in der Hand. Wie ist das möglich? Woher haben sie ihre Kenntnisse?

Weil für sie die freie Entscheidung des Menschen ein hohes Gut ist und weil Jesus den Glauben zu einer Voraussetzung für die Taufe gemacht hat, taufen Adventisten nur Religionsmündige, und zwar durch Untertauchen.

Weil für sie die freie Entscheidung des Menschen ein hohes Gut ist und weil Jesus den Glauben zu einer Voraussetzung für die Taufe gemacht hat, taufen Adventisten nur Religionsmündige, und zwar durch Untertauchen.

Im Amerika des 19. Jahrhunderts schien die Ignoranz in Gesundheitsfragen besonders groß. Die durchschnittliche Lebenserwartung lag bei 39,4 Jahren. Die Ursachen von Krankheiten waren in den 1850er und 60er Jahren generell kaum bekannt. Erst 10 bis 20 Jahre später begannen die

Ellen White (geb. Harmon, 1827-1915), die nur drei Jahre lang die Schule besuchte, schrieb ab 1863 viel über Gesundheit und die Ursachen von Krankheiten sowie deren Vermeidung. Erstaunlicherweise war sie der Wissenschaft in mancher Hinsicht über 100 Jahre voraus.

Ellen White (geb. Harmon, 1827-1915), die nur drei Jahre lang die Schule besuchte, schrieb ab 1863 viel über Gesundheit und die Ursachen von Krankheiten sowie deren Vermeidung. Erstaunlicherweise war sie der Wissenschaft in mancher Hinsicht über 100 Jahre voraus.

Entdeckungen auf diesem Gebiet. Die Existenz von Keimen war unbekannt, Sterilisation ein Fremdwort. Krankenhäuser waren Sterbeanstalten: Die Patienten starben wie die Fliegen. Ärzte benutzten Quecksilber, Arsen und Strychnin, um Krankheiten zu heilen (!) – Substanzen, die man heute teilweise als Rattengift verwendet. Der Aderlass war über Jahrhunderte eine der wichtigsten Behandlungsmethoden. Der Grund: Man hatte völlig irreführende Vorstellungen über das „Gleichgewicht der Körpersäfte“. Diese Form der Ausleitung von großen Mengen Blut wurde teilweise noch bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts praktiziert und kostete viele Menschen das Leben – wahrscheinlich auch das von George Washington. Es gab keine Antibiotika, kein Aspirin, keine Bluttransfusionen, keine Impfungen, keine Röntgenaufnahmen. Dass es zwischen Lebensstil und Krankheiten einen Zusammenhang gibt, war völlig unbekannt. Hygiene war eher ein Fremdwort, Baden eine Seltenheit. Die Nachtluft wurde als giftig betrachtet. Deshalb schlief man nachts bei geschlossenem Fenster. Ärzte brauchten keine Ausbildung, um zu praktizieren. Jeder konnte sich „Doktor“ nennen.

Vor dem Hintergrund dieser bejammernswerten Zustände begann eine Frau namens Ellen White (geb. Harmon, 1827-1915) im Jahr 1863 ausführlich über gesundes Leben und die Ursachen von Krankheiten und ihre Vermeidung zu schreiben. Sie gehörte zu den Gründern der Siebenten-Tags-Adventisten, die in genau diesem Jahr in den USA gegründet wurden. Aus ihrer Feder stammen zahlreiche Bücher zu den unterschiedlichsten Themen. Sie produzierte über 100.000 handgeschriebene Manuskript-Seiten – so viel wie keine andere Schriftstellerin. Eines ihrer wichtigsten Themen war die Gesundheit. Die acht Gesundheitsfaktoren (siehe Extrateil S. 88- 91), auch acht „Ärzte“ genannt, von denen in adventistischen Kreisen gern gesprochen wird, sind direkt auf Ellen White und das Jahr 1863 zurückzuführen. Fast 100 Jahre bevor Wissenschaftler zur Vermeidung von Krebs bestimmte Ernährungsratschläge gaben, beschrieb sie bereits ausführlich die Vorteile einer pflanzenbasierten Ernährung mit viel Gemüse, Obst, Getreide und Nüssen.
Als Beispiel für ihre Weitsicht und ihr korrektes medizinisches Verständnis gelten ihre schon früh veröffentlichten Ausführungen über die Gefährlichkeit des Tabakkonsums (siehe links). Das Rauchen und Kauen von Tabak war damals höchst populär. Dem Nikotin wurde teilweise sogar eine heilende Wirkung zugeschrieben. Dem widersprach Ellen White entschieden. Rückblickend kann man sagen: Ihre Warnungen hatten wahrhaft prophetischen Charakter.

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Der Adventist John Harvey Kellogg – u. a. Erfinder der Kellogg’s Cornflakes – war zu seiner Zeit Amerikas berühmtester Arzt. Die Reichen und Mächtigen kamen nach Battle Creek, Michigan, um sich von ihm heilen und ihren Lebensstil korrigieren zu lassen.

Es sprengt den Rahmen dieses Artikels, alle Punkte aufzuzählen, die Ellen White entgegen der landläufigen Vorstellung empfahl, und die sich mittlerweile als der letzte Erkenntnisstand der Wissenschaft bewahrheitet haben. Die Tatsache, dass sie Mitte des 19. Jahrhunderts korrekte Erkenntnisse über Gesundheit und Prävention, Physiologie und Pathologie niederschrieb, ist mehr als verblüffend. Dazu gehörten Fakten, die damals völlig unbekannt waren. Wie war eine solche Erkenntnis möglich? Sie war aufgrund eines Unfalls nur drei Jahre zur Schule gegangen. Die Quelle ihres Wissens konnte also nicht im akademischen Bereich liegen.
Sie selbst berief sich darauf, dass sie eine übernatürliche Informationsquelle hatte. Wer an die Bibel glaubt, weiß, dass es dabei nur zwei Möglichkeiten gibt. Entweder sie wurde von Gott inspiriert oder von der anderen Seite, d. h. von dämonischen Kräften. Da sie sich ihr Leben lang gegen Hypnose und alle okkulten Phänomene aussprach, bleibt nur die erste Möglichkeit, so die Überzeugung vieler Adventisten. Viele glauben, dass Ellen White die in der Bibel beschriebene Geistesgabe der Weissagung hatte.
Als direkte Folge ihrer Erkenntnisse und auf ihren Rat hin entstand schon im Jahr 1866 das erste adventistische Gesundheitszentrum. Später erhielt es den Namen „Battle Creek Sanitarium“. Es hatte sofort großen Erfolg. Viele erfuhren hier Heilung und lernten, wie sie nicht nur gesund werden, sondern auch gesund bleiben können. Dabei spielten natürliche Heilmethoden eine große Rolle. Leitender Arzt war Dr. John Harvey Kellogg. Er erlangte große internationale Berühmtheit, und zwar nicht nur durch die Erfindung der Kellogg’s Cornflakes, die eine Revolutionierung der amerikanischen Frühstückskultur auslöste. Kellogg verband die besten Erkenntnisse der allmählich aufstrebenden medizinischen Wissenschaft mit den natürlichen Heilmethoden, die auf Ellen White zurückgingen.

Im Battle Creek Sanitarium – es wurde nach einem Feuer im Jahr 1901 neu errichtet – konnten damals bis zu 600 Patienten gleichzeitig behandelt werden. Heute wird das Gebäude von den amerikanischen Streitkräften genutzt.

Im Battle Creek Sanitarium – es wurde nach einem Feuer im Jahr 1901 neu errichtet – konnten damals bis zu 600 Patienten gleichzeitig behandelt werden. Heute wird das Gebäude von den amerikanischen Streitkräften genutzt.

Schon bald schossen überall in den Vereinigten Staaten adventistische Sanitarien wie Pilze aus dem Boden. Sie stellten einen Quantensprung in der Behandlung von Krankheiten dar. Berühmte Persönlichkeiten aus aller Welt gingen in diesen Institutionen ein und aus. Der amerikanische Präsident William H. Taft, König Edward aus England, der Erfinder Thomas Edison: Sie alle suchten beispielsweise das Battle Creek Sanitarium auf und erfuhren dort Heilung. Die Reichen und Mächtigen kamen, weil sie wussten, dass hier etwas angeboten wurde, was man woanders nicht erhielt. Bis zu 600 Patienten konnten in Battle Creek gleichzeitig betreut werden. Kellogg war damals eine der bekanntesten Persönlichkeiten der USA. Tatsächlich erwies sich die Gesundheitsbotschaft der Adventisten für die damalige Zeit als ein großer Segen.

Auch heute, so ein häufig wiederholter Hinweis der Adventisten, sind die von Ellen White niedergeschriebenen Erkenntnisse über gesundes Leben ein Geschenk an die Menschheit. Mit ihrer Langlebigkeit und geringeren Krankheitsanfälligkeit sind Adventisten ein wandelnder Beweis für die positiven Auswirkungen eines Lebensstils, der seinen Ausgangspunkt – so die Überzeugung nicht nur vieler Adventisten – bei Gott hat. Die Adventisten scheinen dem Geheimnis eines langen und gesunden Lebens sehr nahe gekommen zu sein. Manchmal lohnt es sich eben, gegen den Strom zu schwimmen.

 

Gabriele Pietruska, „Das Geheimnis eines langen Lebens: Warum eine Volksgruppe länger lebt – und dabei jung bleibt“, Info Vero (Ausg. 3, Dez. 2012), S. 74-86

Über den Autor

Gabriele Pietruska

gelernte Ärztin und Redakteurin.