Passt die Beschreibung des kleinen Horns auf den Islam?

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Minaret

Seit den Terrorangriffen auf das World Trade Center durch militante Islamisten befassen sich manche Christen vermehrt mit biblischer Prophetie und fragen, ob die Bibel nicht aktuelle Aussagen über diese Weltreligion macht. Ein Blick in die Geschichte der prophetischen Auslegung zeigt, dass einige Reformatoren (z. B. Luther und Calvin) im Islam eine mögliche Erfüllung der Prophezeiung vom kleinen Horn aus Daniel 7 sahen. In letzter Zeit ist diese Sicht wieder aufgelebt, und es wird angeregt, den heutigen Islam als ernsthafte Option für die Erfüllung von Daniel 7 in Betracht zu ziehen.

Aus historischer Sicht verwundert es nicht, dass die Reformatoren im Islam eine Erfüllung der Prophezeiung Daniels sahen. Als der Islam im 7. Jahrhundert entstand, hielten Katholiken ihn eine Zeit lang für den Anti-Christus. Im 16. Jahrhundert war der Islam wegen seiner militärischen Erfolge in Osteuropa für das Christentum eine große Bedrohung. Vor diesem Hintergrund sahen Luther und die übrigen Reformatoren im kleinen Horn aus Daniel 7 das Papsttum und den Islam. Bei der Übernahme reformatorischer Deutungen des Buches Daniel ist gleichwohl Vorsicht geboten, denn der größte Teil dieses Buches sollte bis zur Endzeit versiegelt bleiben (Daniel 12,4), und die war zur Zeit der Reformation natürlich noch nicht angebrochen.

Durch die Ereignisse des 18. und 19. Jahrhunderts – etwa die Französische Revolution, die „tödliche Wunde» der päpstlichen Herrschaft sowie den Zerfall des Osmanischen Reiches – erkannten Ausleger, dass der Islam dem Profil des kleinen Horns nicht entspricht. Im Lichte der jüngsten politischen Entwicklung des Islam hingegen könnte man ernsthaft fragen, ob er nicht doch mit dem kleinen Horn aus Daniel 7 in Verbindung gebracht werden kann.

Die vier Königreiche.

In der bekannten Prophezeiung aus Daniel 7 geht es um vier Tiere, die aus dem großen Meer steigen. Zuerst erscheint ein Löwe, der als Babylon gedeutet wird. Das zweite Tier ist ein Bär, der Medo-Persien darstellt. Das dritte ist ein Panther, der Griechenland symbolisiert, und das vierte, ein „furchtbares und schreckliches» Tier, ist Rom. Aus dem vierten Tier wachsen zehn Hörner und zwischen ihnen ein kleines Horn, welches das Volk Gottes vernichten will.
Erfahrungsgemäß können die meisten Prophezeiungen erst nach ihrer Erfüllung verstanden werden. Dennoch deuteten schon die ersten Christen die vier Tiere als Babylon, Medo-Persien, Griechenland und Rom und erwarteten, dass aus Rom zehn Königreiche entstehen würden. Die Geschichte gibt ihnen Recht. Zwischen 351 und 476 n. Chr. zersplitterte das Römische Reich durch einfallende Barbaren in zehn Königreiche. Die frühen Christen glaubten auch, dass das kleine Horn nach dem Zer-

fall des Römischen Reiches Christus und sein Volk bekämpfen und ihm großes Leid zufügen sollte.
In Daniel 7,8.10.20f.24f lesen wir über die Kennzeichen des kleinen Horns. Wollen wir diese Macht identifizieren, muss sich jedes beschriebene Merkmal in der Realität wiederfinden. Wir wollen nun die Kennzeichen im Einzelnen untersuchen und mit den historischen Fakten des Islam vergleichen.

DIE HERKUNFT DES KLEINEN HORNS

1. Es wächst aus dem vierten Tier (Daniel 7,7f).

In der Prophezeiung wächst das kleine Horn aus dem vierten Tier, dem Römischen Reich, empor. Auf den Islam trifft das mit Sicherheit nicht zu – er entstand außerhalb des Römischen Reiches. Ausgangspunkt seiner Eroberungszüge war Medina im heutigen Saudi-Arabien. Die geographische Herkunft des kleinen Horns deckt sich also nicht mit den geschichtlichen Tatsachen des Islam.

2. Es steigt zwischen den zehn Hörnern auf (Daniel 7,8).

Die Geschichte zeigt, dass sich während des 4. und 5. Jahrhunderts zehn Barbarenstämme (die zehn Hörner) als Königreiche auf dem Gebiet des Römischen Reiches etablierten. Das kleine Horn geht aus den zehn Hörnern hervor, also aus diesen Königreichen. Der Islam enstand jedoch, wie wir schon gesehen haben, außerhalb des geteilten Reiches. Auch dieses Merkmal des kleinen Horns passt nicht auf den Islam.

3. Es steigt zur Zeit der zehn Hörner auf (Daniel 7,24).

Das kleine Horn entsteht zur Zeit der zehn Barbarenstämme. Als der Islam entstand, waren drei dieser Stämme aber schon verschwunden. Es ist also nicht möglich, das Aufkommen des Islam direkt mit den zehn Königreichen auf dem Gebiet des Römischen Reiches in Verbindung zu bringen. Die zeitliche Einordnung des kleinen Horns entspricht nicht dem Islam. Das kleine Horn entsteht zur Zeit der zehn Barbarenstämme. Als der Islam aufkam, waren drei dieser Stämme aber schon verschwunden.

4. Drei Königreiche werden gestürzt oder „ausgerissen» (Daniel 7,8.20.24).

Während das kleine Horn wächst, werden drei der Horn-Reiche gestürzt oder „ausgerissen». Manchmal wird gesagt, der Islam habe dieses Merkmal erfüllt, weil er drei wichtige Zentren des frühen Christentums und Oströmischen Reiches unterwarf: Ägypten, Syrien und Palästina.
Diese Sicht ist insofern problematisch, als die Prophezeiung nicht über christliche Zentren spricht, sondern über Königreiche, die vollständig ausradiert werden. Die frühen islamischen Eroberungen betrafen aber keine Königreiche, denn Ägypten, Palästina und Syrien waren Teil des Oströmischen Reiches. Die drei ausgerissenen Hörner sind hingegen Königreiche und Teil des Weströmischen Reiches. Erneut passt die Beschreibung nicht zum Islam.

Zudem ging die islamische Eroberung weit über diese drei Gebiete hinaus. Während der 15 Jahre zwischen 635 und 649 n. Chr. wurden Palästina, Syrien, Mesopotamien, Babylon, Ägypten, die Insel Zypern sowie die Pentapolis, Karthago und Tripolis in Nordafrika erobert. Einige dieser Gebiete gehörten zum Oströmischen oder Byzantinischen Reich (Syrien, Palästina, Ägypten, Nordafrika und Zypern), andere waren unter persischer Herrschaft (Mesopotamien und Babylon).
Es wäre ganz willkürlich, gerade Ägypten, Palästina und Syrien den drei ausgerissenen Hörnern zuzuordnen und alle anderen eroberten Gebiete außer Betracht zu lassen. Auch hier stimmen die Merkmale des kleinen Horns mit dem Islam nicht überein.

DAS AUSSEHEN DES KLEINEN HORNS

5. Es hat Augen wie Menschenaugen (Daniel 7,8.20).

Das kleine Horn hat Augen wie Menschenaugen. Dieses Symbol weist auf Intelligenz hin und ließe sich auf den Islam anwenden.

6. Es hat ein Maul, das große Dinge redet (Daniel 7,8.20).

Das kleine Horn hat ein Maul, das große Dinge redet. Dieses Reden wird als Gotteslästerung gedeutet und könnte auf den Islam zutreffen, weil er zu allen Zeiten Lästerungen gegen den christlichen Glauben ausgesprochen hat.

7. Es sieht größer aus als seine Gefährten (Daniel 7,20).

Das kleine Horn sieht größer aus als die zehn Könige. Der Islam wuchs zwar, bis er mächtiger war als die zehn Könige. Nur kam er gar nicht „unter ihnen» auf, daher waren diese Barbarenreiche auch nicht seine „Gefährten». In diesem Sinne kann die Aussage „größer als seine Gefährten» auf den Islam und die zehn Königreiche nicht angewendet werden.

8. Es ist anders als die übrigen Hörner (Daniel 7,24).

Es stimmt, dass der Islam anders war als die übrigen Königreiche. Die anderen Hörner waren in erster Linie politische Mächte, während der Islam immer eine streng politisch- religiöse Macht war. Dieses Kennzeichen würde der Islam erfüllen.

DAS VERHALTEN DES KLEINEN HORNShorn

9. Es lästert den Höchsten (Daniel 9,25).

Dies könnte sicher auf den Islam zutreffen, denn als eine politisch-religiöse Macht hat er oft lästerlich gegen den christlichen Gott gesprochen.

10. Es kämpft gegen die Heiligen und behält den Sieg über sie (Daniel 7,21).

Es vernichtet die Heiligen des Höchsten (Dan. 7,25). In dem lang andauernden Konflikt zwischen Islam und Christentum könnte man auf den ersten Blick die Verfolgung durch das kleine Horn sehen. Islamische Völker haben viele Schlachten gegen Christen geschlagen. Vor den Kreuzzügen (11. bis 13. Jahrhundert) behandelten islamische Mächte die Anhänger der verschiedenen christlichen Kirchen jedoch unterschiedlich. Sie zeigten beispielsweise gegenüber Anhängern der römisch-katholischen Marien-, Heiligen- und Bilderverehrung keine Gnade, weil Muslime das als Götzendienst betrachten. Nestorianer und syrische Christen hingegen, die der Schrift folgten und Bilderverehrung ablehnten, erfreuten sich großer Freiheiten. Zuzeiten waren sie an den Höfen der Kalifen beschäftigt und hoch geachtet.
Die „Heiligen» wurden vom Islam geachtet, nur abgefallene Christen wurden verfolgt. Treue Christen oder die „Heiligen» wurden vom Islam also geachtet, nur abgefallene Christen wurden verfolgt. Die Prophezeiung sagt aber, dass Gottes treue Nachfolger verfolgt würden, keine abtrünnigen. Dieser Umstand spricht gegen den Islam als kleines Horn.

11. Es trachtet danach, Festzeiten u. Gesetz zu ändern (Daniel 7,25).

Manche glauben, Mohammeds Entscheidung für den Freitag als islamischen Anbetungstag erfülle das Merkmal des kleinen Horns, Festzeiten und Gesetz zu ändern. Nun hat aber in der Vergangenheit kein einziger Anhänger des Islam öffentlich erklärt, er habe den Sabbat der Zehn Gebote von Samstag auf Freitag verändert. Die Prophezeiung sagt, das kleine Horn werde gezielt versuchen, Gottes Festzeiten und Gesetz zu verändern. Es geht hier um eine religiöse Macht, die den Anspruch erhebt, Gottes Gesetz ändern zu können. Der Islam betrachtet den Freitag nicht als wöchentlichen Ruhetag. Sicher, Freitagmittag gibt es einen Gottesdienst mit Gebet und Predigt, aber der muslimische Glaube sieht den Freitag nicht als Ruhetag, an dem die alltägliche Arbeit liegen bleibt.
Der folgende Abschnitt aus dem Koran vermittelt einen Eindruck davon, wie der Freitag verstanden wird: als Versammlungstag. „O ihr Gläubigen! Wenn der Ruf zum Freitagsgebet ertönt, dann eilt zum Gedächtnis Allahs und lasst den Handel. Wohl euch, wenn ihr dies wisst. Ist aber das Gebet vorüber, dann verteilt euch über das Land und sucht Allahs Gnade und gedenkt seiner, damit ihr Erfolg habt.“

Ein muslimischer Kommentator erklärt diese Verse so: „Eine normale Geschäftstätigkeit ist einem Muslimen am Freitag erlaubt, und zwar vor und nach dem Freitagsgebet. Anders als der jüdische und christliche Sabbat ist der Freitag nicht unbedingt ein Ruhetag. Beim Freitagsgebet ist Anwesenheit aber Pflicht. Sobald der Ruf zum Gebet ertönt, muss der Muslim jegliche Arbeit niederlegen und sich unverzüglich zur Moschee begeben.“ Damit ist klar, dass der muslimische Feiertag mit dem biblischen Sabbat nicht zu vergleichen ist.
Warum wählten die Muslime den Freitag? Folgendes lässt sich nachlesen: „Mohammed hat die Tradition des Freitags als Anbetungstag auf göttliche Anordnung hin eingeführt. Er sagt: ‚Der Freitag ist den Juden und Christen als Anbetungstag verordnet worden, doch sie haben nicht nach dem Gebot gehandelt. Die Juden haben den Samstag und die Christen den Sonntag eingeführt.‘ Den gleichen Traditionen zufolge ist der Freitag ‚der beste Tag unter der Sonne, der Tag, an dem Adam ins Paradies geführt und daraus verbannt wurde, und der Tag, an dem er Reue zeigte und starb. Der Freitag wird auch der Auferstehungstag sein.’“

Vergleichen wir die Motivation für die Einhaltung des muslimischen Freitags mit dem kleinen Horn, das „sich untersteht“ oder „danach trachtet, Festzeiten und Gesetz zu ändern“ (Dan. 7,25), so ist keine Übereinstimmung zu entdecken. Wir stellen fest, dass der Islam nie erklärt hat, Gottes Gesetz zu ändern, sondern behauptet, der Freitag sei der von Gott ursprünglich eingesetzte Tag der Anbetung. Aus islamischer Sicht waren es die Juden und die Christen, die Gottes Gesetz verändert haben. Die Position zum wöchentlichen Anbetungstag macht deutlich, dass der Islam nicht die Erfüllung des kleinen Horns sein kann.

DIE DAUER DES KLEINEN HORNS

12. Es regiert dreieinhalb Zeiten (Daniel 7,25).

Für die Zeitspanne der dreieinhalb Jahre findet sich in der Geschichte des Islam keine Erfüllung. Um dieses Problem zu lösen, wird vorgeschlagen, die Zeit als die Hälfte von sieben, der Zahl göttlicher Vollkommenheit, und damit als Symbol für Unvollständigkeit und Begrenztheit zu interpretieren. Während dieser Zeit seien die Kräfte des Anti-Christus beschränkt, sodass Gottes Volk nicht vollständig aufgerieben wird.
Die dreieinhalb Jahre als unbestimmte Zeit zu erklären steht allerdings in völligem Widerspruch zur kontinuierlich-historischen bzw. historizistischen Schule prophetischer Interpretation, die von den Reformatoren angewendet und später von den Adventisten übernommen wurde. Stattdessen haben wir es hier mit einem ganz anderen Interpretationsansatz zu tun: dem Idealismus.
Der Idealismus ist sehr bemüht, eine Erfüllung von Prophetie in konkreten historischen Ereignissen abzustreiten. Im Idealismus gerät die Identifizierung des kleinen Horns zu einem vagen und spekulativen Unternehmen mit dem Ergebnis, dass eine Prophezeiung die unterschiedlichsten Erfüllungen finden kann.

FAZIT

Die Untersuchung des kleinen Horns aus dem Buch Daniel anhand von zwölf Kennzeichen führt zu dem Ergebnis, dass nur vier davon auf den Islam anwendbar sind. Ganze acht von zwölf Merkmalen treffen auf den Islam nicht zu. Der Islam kann daher nicht als Erfüllung der Prophezeiung vom kleinen Horn betrachtet werden. Daher gibt es keinen Anlass, von der Auslegung des kleinen Horns abzurücken, die Adventisten seit dem 19. Jahrhundert vertreten.
Hüten wir uns davor, die Wasser der Auslegung zu trüben, klare historische Erfüllungen in Zweifel zu ziehen und uns für spekulative Deutungen zu begeistern in einer Zeit, in der altbewährte Auffassungen vor ihrer vollständigen Erfüllung stehen.

 

P. Gerard Damsteegt, „Der Islam und das kleine Horn aus Daniel 7“, Standpunkte (Ausg. 8, 2006), S. 31-35

Über den Autor

P. Gerard Damsteegt

wurde in den Niederlanden geboren. Als er Christ und Siebenten-Tags-Adventist wurde, arbeitete er noch als Luft- und Raumfahrttechniker. Aber Gott berief ihn, Menschen auf die Wiederkunft Jesu vorzubereiten. Außerdem war er als Pastor, Missionar, Seelsorger, Gesundheitspädagoge, Redakteur, Autor und Lehrer tätig. Er ist Verfasser von Foundations of the Seventh-day Adventist Message and Mission und Hauptautor von Was Adventisten glauben. Zurzeit ist er Dozent in Kirchengeschichte am Theologischen Seminar der Andrews-Universität. Er und seine Frau Laurel haben eine Tochter (Joelle) und einen Sohn (Pieter).