WeinBerichte zeigen, dass Rotwein die Herzgesundheit fördern könnte.
Ist das Grund genug, um anzufangen Alkohol zu trinken?

Viele von Ihnen haben gehört oder gelesen, dass moderater Alkoholgenuss einen positiven Einfluss auf Ihre Gesundheit haben könne. Hier ist ein Beispiel einer CNN-Reportage von Dezember 1997: „A Drink A Day Keeps The Grim Reaper Away.“ („Ein Drink am Tag schreckt den Sensenmann ab.“). Sie behauptete, dass „Forscher berichten dass mäßiges Alkoholtrinken, alles in allem, gesund sei und der positive Effekt des Alkohols auf das Herz die schädlichen Effekte des Alkohols ausgleiche.“

Als Arzt war es für mich wichtig, die wissenschaftliche Literatur selbst zu betrachten um die Beweise zu untersuchen, bevor ich meinen Patienten raten würde, Alkohol zu medizinischen Zwecken zu benutzen, wie einige Ärzte es taten.

Zuerst erwarb ich das Original des Forschungsartikels, der im New England Journal of Medicine, Dezember 1997, veröffentlicht wurde. Dann machte ich eine Literaturrecherche zu allen Artikeln über Alkohol, die in den letzten drei Jahren herausgegeben wurden. Was ich fand war ziemlich überraschend, verglichen mit der großen Berichterstattung in den Massenblättern über die positiven und medizinischen Eigenschaften des Alkohols. Die größte und am längsten dauernde Studie bis zu diesem Zeitpunkt wurde im New England Journal of Medicine, Dezember 1997, veröffentlicht und war überschrieben mit „Alkoholkonsum und Sterblichkeit unter Erwachsenen mittleren Alters und älteren Erwachsenen in den U.S.A.“ (Thun et al., 1997)

Die Studie erfasste beinahe 50.000 Personen neun Jahre lang und berichtete über eine 20%-igen Rückgang der Sterblichkeit während der Studienerfassung bei denjenigen Personen zwischen 25 und 70 Jahren, die mindestens ein alkoholisches Getränk pro Tag zu sich nahmen, im Vergleich zu nicht-Trinkern. Sie schrieben beinahe den gesamten Rückgang der Todesfälle den medizinischen Effekten des Alkohols als Schutzfaktor für kardiovaskuläre Erkrankungen zu.

Sollten Ärzte nun aus rein medizinischer Sicht Alkoholkonsum empfehlen, um vor Herzkrankheiten zu schützen und Gesundheit zu fördern? Viele Menschen schlussfolgern aus diesen Funden, gemäßigter Alkoholkonsum sei als Teil eines gesunden Lebensstils anzusehen.

Nach sorgfältiger Prüfung der ursprünglichen wissenschaftlichen Publikation aus dem New England Journal of Medicine (NEJM) und dem Untersuchen von mehr als 50 weiteren Artikeln in Verbindung mit Alkohol, die in den letzten drei Jahren in der medizinischen Literatur veröffentlicht wurden, schlussfolgerte ich die folgenden sechs Punkte, die bedacht werden sollten, bevor man Alkohol zu medizinischen Zwecken verwendet:

  1. Alkohol ist ein allgemein anerkannter Risikofaktor für zahlreiche Krebserkrankungen. Die NEJM – Studie zeigte eine 30%ige Zunahme von Brustkrebs bei Frauen, die gerade mal einen „Drink“ am Tag zu sich nahmen. Dies kam zu der bekanntlich erhöhten Inzidenz von Alkohol -assoziierten Krebserkrankungen in Mund, Hals, Speiseröhre, Magen, Bauchspeicheldüse und Leber hinzu. (Rosener, 1993) Der einzige Grund für die Senkung der Mortalitätsrate in der Alkohol trinkenden Gruppe war, dass viel mehr Menschen an Herzerkrankungen als an Krebs sterben. Wie könnte irgendein Arzt einem Patienten gegenüberstehen, der einen langsamen, schmerzhaften Tod an Krebs stirbt – einem Krebs, der klar mit dem Alkohol zusammenhängt, welcher ihm vorher empfohlen wurde, um sein Herzinfarktrisiko um nur 30% zu senken – wenn doch andere, weniger riskante präventive Maßnahmen zur Verfügung stehen, die Krebs nicht als Nebenwirkung aufweisen?
  2. Indem nur 35 bis 70-Jährige in der Studie erfasst wurden, zeigte sie das lebenslange Risiko von Alkoholkonsum nicht vollständig. Unfälle in Verbindung mit Alkoholkonsum sind die Todesursache Nummer eins in der Altersgruppe der 15 bis 30-Jährigen. (McGinnis, 1993)
  3. Der Mechanismus, durch den Alkohol kardioprotektiv wirkt, könnte in anderen Körperorgansystemen schädlich sein. Alkohol scheint auf zwei Arten vor Herzinfarkt zu schützen. Erstens reduziert es die Plaquebildung in den Blutgefäßen. Zweitens wirkt Alkohol als „Blutverdünner“, der verhindert, dass sich in bereits verengten Herzkranzarterien Blutgerinnsel bilden, was Auslöser der meisten Herzinfarkte ist. (Kannel, 1971) In das empfindliche Gleichgewicht der Blutgerinnungsmechanismen einzugreifen könnte eine gefährliche Sache sein. Vor einigen Jahren wurde bemerkt, dass Aspirin blutverdünnende Eigenschaften hat, die Herzinfarkte verhindern kann. Die ersten Berichte waren so beeindruckend, dass tausende Ärzte anfingen, freiwillig täglich Aspirin einzunehmen als Teil einer Studie über die Langzeitvorteile.

Die Untersuchungen wurden vorzeitig gestoppt als man bemerkte, dass in der Aspirin-Gruppe eine unerwartet hohe Inzidenz von Hirnblutungen auftrat. Während sie durch Blutverdünnung versuchten einen Herzinfarkt zu verhindern, starben einige dieser Ärzte, oder trugen bleibende Schäden von Hirnblutungen davon. Jetzt empfehlen die meisten Ärzte Aspirin nur für Patienten, die bereits einen Herzinfarkt erlitten haben, weil das Risiko für einen zweiten Herzinfarkt höher ist als für eine Aspirin-induzierte Hirnblutung.

Dieses Beispiel zeigt deutlich wie gefährlich es ist, empfindliche Gleichgewichte des Körpers wie die Blutgerinnung, zu stören. Während Alkohol gewisse Herzkrankheiten verhindert, bestehen weiterhin klare Zusammenhänge mit Herzrhythmusstörungen und Kardiomyopathie–und so auch mit Herzversagen. (Cowie, 1997)

  1. Der 30%ige Rückgang der Todesfälle durch Herzerkrankungen, die dem Alkohol zugeschrieben wurden, könnte auch durch andere, viel weniger riskante Methoden erreicht und noch übertroffen werden. Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass einfache Lebensstil-Maßnahmen das Herzrisiko um 50 bis 70% reduzieren können, ohne irgendeine der schädlichen Nebenwirkungen, die bei Alkoholkonsum dokumentiert werden. (Miller, 1990)
  2. Die Methodik und Analytik der Studie stellen die Validität der Schlussfolgerungen infrage. Man muss verstehen, dass alle Studien über Gesundheitsrisiken und Alkoholkonsum davon abhängig sind, dass freiwillige Fragebögen akkurat ausgefüllt werden. Niemand „verfolgt“ die Patienten wirklich um ihren Konsum zu dokumentieren oder ihre Angaben zu verifizieren. Einer der Herausgeber des NEJM, der einen Kommentar zum Artikel geschrieben hatte, machte darauf aufmerksam, dass der von der Studiengruppe angegebene jährliche Alkoholkonsum nur die Hälfte des Durchschnitts betrug, der von der U.S.-Amerikanischen Regierung pro Kopf anhand von Industrieproduktion und Verkäufen berechnet wurde. (Potter, 1997)

Er machte darauf aufmerksam, dass die Studiengruppe also entweder nicht die durchschnittlichen Trinkgewohnheiten der Amerikaner wiederspiegelte, oder dass die Teilnehmer die Fragebögen nicht wahrheitsgemäß ausgefüllt hatten. Jeder, der einmal mit Alkoholikern gearbeitet hat weiß, dass sie oft ihre Trinkgewohnheiten abstreiten und einige könnten sich fälschlicherweise in die Nicht-Trinker-Gruppe der Statistik platziert haben, was die Validität der Schlussfolgerungen beeinflussen würde.

Außerdem schloss die NEJM – Studie aus ihrer Statistik 32.000 Personen, die zu Beginn der Studie an Krebs oder Zirrhose litten, unbegründet aus. Diese Krankheiten sind bekanntlich eng mit Alkoholkonsum verknüpft und ihr Ausschluss kann sich auf die Mortalitätsraten deutlich auswirken.

  1. Neben den Effekten aufs Herz hat Alkohol physiologische Auswirkungen auf praktisch jedes größere Organsystem. Wenn man die Laienpresse liest, könnte man leicht schlussfolgern, dass die meisten medizinischen Forschungen in den letzten Jahren sich auf den positiven medizinischen Wert des Alkohols für das Herz konzentrierten. In Realität zeigt sich jedoch ein ganz anderes Bild. Eine Suche über alle englischsprachigen Forschungspublikationen in der wissenschaftlichen Literatur der letzten drei Jahre enthüllt 355 veröffentlichte Artikel, von denen 48 Rezensionen sind. Rezensionen fassen Ergebnisse zu verwandten Themen zusammen und konzentrieren sie. Von den 48 Rezensionen handelten 44 klar von den schädlichen Einflüssen des Alkohols, und von den bleibenden vier, die sich mit den Vorteilen für das Herz beschäftigten, enthielt jeder Artikel klar die Nebenwirkungen. Hier sind Beispiele von Aussagen aus den Zusammenfassungen dieser Artikel :

Scotch„Alkohol ist ein Neurotoxin [Nervengift], das mit signifikanter Morbidität und Mortalität assoziiert ist… es kann den Blutdruck steigern, das Myokard schädigen, Arrhythmien auslösen und das sich entwickelnde fetale Herz schädigen“ (Sceepers, B.C. „Alcohol and the Brain.“ British Journal of Hospital Medicine, 1997; 57: 543-51).

„Es ist gilt sicher, dass Alkohol das Risiko für Verletzungen erhöht“ (Guohua, L. „Alcohol and injury severity. Journal of Trauma 1997; 42:562-69).

„Alkohol kann zu potentiell gefährlicher Hypoglykämie führen“ (Meeking, D.R. „Alcohol ingestions and glycemic control. Diabetic Medicine 1997; 14:279-83).

„…mit Alkohol in Verbindung stehende Probleme sind Leberkrankheiten, Demenz, Verwirrung, periphere Neuropathie, Schlaflosigkeit, Krampfanfälle, Mangelernährung, Inkontinenz, Durchfall, Myopathie, inadäquate Selbstversorgung, Makrozytose, Depression, Frakturen und negative Wirkungen auf Medikamente“ (Fink, A. „Alcohol related problems in older persons“ Archives of Internal Medicine 1997; 157:242-3).

„Alkohol wurde ständig mit dem Risiko für verhornenden Plattenepithelkrebs in Verbindung gebracht.“ (Thomas, D.B. „Alcohol as a cause of cancer. Environmental Health Perspectives 1995; 103:153-60).

„Der Einfluss von Alkohol auf das Sexualverhalten ist allgemein bekannt.“ (Donovan, C. „A review of the literature examining the relationship between alcohol use and HIV related sexual risk-taking in young people.“ Addiction 1997; 90:319-28).

Andere Studien zeigten den Zusammenhang zwischen Alkohol und Osteoporose, chronischer Gastritis, peptischen Geschwüren, geschwächter Immunantwort, aggressivem Verhalten, fetalen Missbildungen und spontanen Aborten, und das sind nur Beispiele! Es ist schwer zu erkennen, wie irgendjemand diese Daten untersuchen und daraus schließen könnte, dass die vorteilhaften Eigenschaften des Alkohols die toxischen Wirkungen überwiegen – selbst wenn nur moderate Mengen zu sich genommen werden.

Man muss das Suchtpotential von Alkohol mit den daraus resultierenden sozialen und ökonomischen Konsequenzen in Betracht ziehen. Ungefähr zehn Prozent der Menschen, die anfangen zu trinken, werden so süchtig, dass sie als „Problemtrinker“ oder Alkoholiker gelten. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts „Gallup“ gab je einer von vier US-Amerikanern an, dass seine Familie unter dem negativen Einfluss von Alkoholmissbrauch leidet. Der wirtschaftliche Verlust der Produktivität der Arbeiter wird in Milliarden Dollar gemessen. Ein medizinisches Lehrbuch der Pharmakologie schreibt, „Alkohol wird hier separat behandelt, da es ein ausführliches Thema ist und sein Missbrauch zu mehr schädlichen Verhaltensweisen und organischer Toxizität führt als jedes andere Mittel. Die so hervorgerufenen sozialen und therapeutischen Probleme sind unausweichlich Sorge jeden praktizierenden Arztes… Äthylalkohol ist eine Suchtdroge und wenn es erst heute entdeckt würde, müsste es zweifelsohne unter die Regulation der „Food and Drug Administration“ [Lebensmittelüberwachungs- und Arzneimittelzulassungsbehörde der Vereinigten Staaten] fallen.“ (Meyers, 1980)

 

Zusammenfassend, nehmen wir an, Sie gehen zu Ihrem Arzt und er bietet Ihnen eine Medikation mit den folgenden Informationen an:

„Dies ist ein Medikament, das Ihr Herzinfarktrisiko um 30% senken kann, aber ich muss Sie warnen, dass dieses Medikament direkt giftig für Gehirn und Leber ist. Es wird Ihr Krebsrisiko erhöhen und zu Osteoporose und Geschwüren beitragen. Es besteht auch ein Fünf- bis Zehnprozentiges Risiko, dass Sie von dieser Droge hoffnungslos abhängig werden, was leicht dazu führen könnte, dass Sie ihre Arbeit verlieren oder ihre Ehe zerstören. Ich muss Sie auch darüber informieren, dass es einige grundlegende, risikofreie Alternativen gibt, die effektiver Herzerkrankung verhindern. Aber ich denke, Sie werden das Hochgefühl, wenn sie dieses Medikament nehmen, sehr mögen.“

 

Erstens würde die Arzneimittelzulassungsbehörde niemals ein Medikament mit solchem Nutzen-Risiken-Profil auf dem Markt zulassen. Zweitens – wenn sie es doch täten – welcher zurechnungsfähige Patient würde solch eine Verschreibung akzeptieren und jemals wieder dem Urteilsvermögen dieses Arztes vertrauen? Es ist wahrscheinlich berechtigt zu behaupten, dass viele Menschen, die vorgeben, Alkohol für medizinische Zwecke zu benutzen, bereits vorher Freizeittrinker waren und sich freuten, dass einige wissenschaftliche Erkenntnisse ihren Lebensstil unterstützen.

Aus rein medizinischer Perspektive ist es schwer Alkoholkonsum zu rechtfertigen. Die medizinische Fachzeitschrift Cardiology Clinics fasst es folgendermaßen zusammen: „In Anbetracht der komplexen Natur der Beziehungen zwischen Alkohol und Krankheiten, sollte Alkoholkonsum nicht als eine Strategie der Primärprävention gelten.“ (Gaziano, 1996)

 

 

Literaturverzeichnis

Cowie, M. (1997). Alcohol and the heart. British Journal of Hospital Medicine 57 , pp. 548-551.

Gaziano, J. (1996). Diet and Heart Disease: the role of fat, alcohol, and antioxidance. Cardiology Clinics 14 , pp. 69-83.

Kannel, W. (1971). Serum cholesterol, lipoproteins, and the risk of coronary heart disease. The Framingham Study, Ann Int Medicine 38 , pp. 1224-1232.

McGinnis, J. (1993). Actual causes of death in the United States. Journal of the American Medical Association, 279 , pp. 2207-2212.

Meyers, F. (1980). In Review of Medical Pharmacology (pp. 242-246). Lange.

Miller, G. (1990). Alcohol consumption: protection against coronary disease and risk to health. Int. Journal Epidemiology, 19 , pp. 923-930.

Potter, J. (1997). Hazards and benefits of alcohol. New England Journal of Medicine 337 , pp. 1763-1764.

Rosener, L. (1993). Alcohol consumption and the risk of breast cancer. Epidemiology Review 15 , pp. 133-44.

Thun et al. (1997). New England Journal of Medicine 337 , pp. 1705-1714.

 

 

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