BetenIch bin in einem wunderbaren, christlichen Zuhause in der irakischen Stadt Ninive aufgewachsen (das heutige Mossul), zusammen mit zwei jüngeren Brüdern. Meine Eltern liebten uns und gaben ihr Bestes, um für uns zu sorgen und uns eine gute Zukunft zu sichern. Mein Vater war Geschäftsmann und handelte mit allem Möglichen. Als ich drei oder vier Jahre alt war, zogen wir nach Bagdad um, weil die geschäftlichen Bedingungen dort besser waren. Wir wohnten in einer christlichen Nachbarschaft und waren mit christlichen Freunden zusammen, obwohl wir in einer Stadt, die überwiegend muslimisch war, eine verschwindend kleine Minderheit darstellten. Meine Familie gehörte zur Syrisch-Orthodoxen Kirche von Antiochien. Während meiner Kindheit um 1960 herum hatte sie im Irak rund 500 000 Mitglieder, von denen etwa 30 000 in Bagdad lebten und die Übrigen im Großraum Mossul. Mein Vater war sehr weltlich. Ich wüsste nicht, dass er ein einziges Mal in der Kirche gewesen wäre, nicht einmal zu Weihnachten oder Ostern. Meine Mutter war offener für den Glauben und besuchte ein paar Mal im Jahr eine Kirche.

Ein Leben in Isolation

In einem jedoch waren sich beide einig: Obwohl wir in einer muslimischen Stadt lebten, hatten wir keinen einzigen muslimischen Freund. Meine Eltern waren sehr gesellig und luden ganz oft Gäste ein, doch ein Moslem war nie darunter. Es war, als würden sie gar nicht existieren. Mein Vater wurde nicht müde, mir zu erzählen, aus dem Islam oder von Moslems würde nichts Gutes kommen. Meine Mutter trichterte mir ein: „Sei vorsichtig mit Moslems. Halt dich immer fern von ihnen. Sie haben es auf dich abgesehen. Sie sind unsere Feinde. Sie wollen uns Böses.“ So wurde ich mit der Überzeugung groß, am Islam sei kein gutes Haar. Meine Eltern betonten, Ziel und Zweck der Moslems sei, uns zu bekehren und zu einem von ihnen zu machen. Sie sagten: „Achtung vor Moslems – sie kommen nicht ohne Hintergedanken auf dich zu!“ Ich weiß noch gut, wie mein Papa oft sagte: „Keine muslimische Freundin oder Ehefrau! Wenn ein Christ eine Muslimin geheiratet hat, muss er Moslem werden. Man lässt ihm keine andere Wahl, als zum Islam überzugehen. Er wird seinen Glauben, seine Identität und sein Erbe verlieren.“
Obwohl ich etwa 20 Jahre lang im Irak lebte, dort aufwuchs und von der Grund- bis zur staatlichen Hochschule das Bildungssystem durchlief, wo die große Mehrheit muslimisch war, hatte ich niemals einen Moslem zum Freund. Ja, ich machte einen Bogen um sie, wo ich nur konnte. Von Kindesbeinen an begleitete mich der Gedanke: Alle Moslems sind schlecht und wollen mir schaden! So hatte ich es mein Leben lang gehört. Später merkte ich, dass fast alle Christen (Katholiken, Orthodoxe und Protestanten) im Irak, im gesamten Mittleren Osten und den übrigen Gebieten der muslimischen Welt die gleiche Einstellung haben. Mir scheint, in diesem Punkt sind sich nahezu alle Christen einig. Als ich Adventist wurde, stellte ich fest, dass die Adventisten im Irak genauso über Moslems dachten. Ich kann mich nicht erinnern, dass man sich irgendwie bemühte, sie mit dem Evangelium zu erreichen, ein Gespräch zu beginnen oder einfach nur darum zu beten, Gott möge sie zu sich ziehen. Eine christliche Gemeinschaft konnte noch so eifrig sein – niemand machte den Versuch, die muslimischen Nachbarn zu erreichen und sich mit ihnen anzufreunden. In Kirchen wie Privathäusern waren sie unerwünscht. Und ich glaube, dies hat das Missionsfeld im Mittleren Osten geprägt. Ich persönlich kann mich nicht an eine einzige Bekehrung eines Moslems zur Syrischen Kirche oder zur Adventgemeinde erinnern.

Diskriminierung und Verfolgung von Christen

Es gibt mehrere Gründe für diese Haltung. Christen werden im Mittleren Osten seit Jahrhunderten und bis in die Gegenwart verfolgt. Diese Verfolgung hat viele Formen. Zum Beispiel werden Regierungsstellen an Moslems und nicht an Christen vergeben, selbst wenn die Christen besser qualifiziert sind. Moslems dominieren die politische Arena, setzen aber oft einige Christen an Symbolpositionen, damit sie vor dem Westen als fair und demokratisch erscheinen. Bei Beförderungen werden Moslems den Christen vorgezogen. Auch die Bezahlung ist ungleich, immer zugunsten von Moslems. Schulische Stipendien gehen in der Regel an Moslems. Christen zahlen Steuern, Moslems zahlen keine oder weniger. Aber auch in anderer Hinsicht gerät man in der muslimischen Welt unter Druck. Ich erinnere mich, dass es in Bagdad zwei Fernsehsender gab, und beide widmeten täglich mehrere Stunden der Verbreitung muslimischer Lehren. Tag für Tag erschallt fünfmal der Ruf zum Gebet, während das Glockengeläut christlicher Kirchen meist verboten ist. In jedem Schuljahr ist der Islam Unterrichtsfach, und viele Moslems bedrängen ihre christlichen Klassenkameraden, zum Islam zu konvertieren. Christen erinnern sich zudem noch lebhaft an die verschiedenen geschichtlichen Verfolgungen durch Muslime wie den arabischen Einfall im 7. Jahrhundert, der aus den christlichen Ländern des Mittleren Ostens muslimische Mehrheitsländer machte und im Zuge dessen Hunderttausende von Christen tötete, die sich weigerten, Moslems zu werden. Sie erinnern sich noch an die armenischen und assyrischen Völkermorde zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die über eine Million Christen das Leben kosteten und viele Tausend christliche Dörfer zerstörten. Darüber hinaus erleben sie gegenwärtige Verfolgungen in Ägypten, Irak, Indonesien und Nigeria, um nur einige der Orte aufzuzählen, wo Moslems Christen umbringen und ihre Kirchen niederbrennen. Ein anderer Grund für die negative Haltung vieler Christen gegenüber Moslems ist, dass sie hoffen, sich auf diese Weise zu schützen und Glauben, Identität, Kultur und Erbe zu bewahren. Viele Christen in vorherrschend muslimischen Ländern meinen, dass wenn sie unter diesen Lebensumständen ihre Identität nicht auf rechterhalten, das Christentum in wenigen Generationen aussterben wird. Viele Christen in der muslimischen Welt leben dort bereits seit Jahrtausenden und haben ein reiches kulturelles Erbe. Heute jedoch ist ein Großteil dieses Reichtums in Gefahr, in Vergessenheit zu geraten.

Lieben, beten, Gemeinschaft pflegen

Obwohl ich diese Gedanken verstehen und sogar mitfühlen kann, sehe ich ein höheres Prinzip, das die Haltung von Christen und der Gemeinde in der muslimischen Welt beeinflussen und prägen muss. Dieses Prinzip ist die Liebe. Wir müssen an den Punkt kommen, so zu lieben, wie Jesus liebt. Er hat uns geboten, selbst unsere Feinde zu lieben.

Mt 5,43-45
Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, und bittet für die, welche euch beleidigen und verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel seid. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt es regnen über Gerechte und Ungerechte.

Wir müssen unsere Vorurteile zur Seite legen und Moslems lieben – trotz dem, was sie getan haben und weiter tun. Gottes Liebe übersteigt alles, sogar die furchtbaren Ereignisse der Geschichte und die schrecklichen Verfolgungen von heute. Die Liebe ist stärker als Hass oder Gleichgültigkeit. Jesus möchte unseren Blick auf eine höhere Ebene lenken, auf die Rettung aller Menschen. Gottes Liebe ist größer als ich und wie andere mich behandeln. Gottes Liebe ist größer als die Unversehrtheit meiner kleinen Welt oder Ortsgemeinde. Gottes Liebe ist eine umwandelnde Macht, die mein Herz nehmen und dem Herzen Gottes ähnlich machen kann.

Das Beispiel Jonas

Unser Haus in Mossul war etwa 15 km vom Grab Jonas entfernt. Ich hörte sehr gerne die Geschichte von der Bekehrung der Niniviten. Später erst verstand ich, worum es bei Jonas Auftrag überhaupt ging. Gott liebte Ninive und sandte Jona, damit die Einwohner sich bekehrten. Aber Jona war voller Hass gegen sie, weil sie oft in Israel eingefallen waren und seinem Volk Grausames angetan hatten. Für Jona war Ninive der Feind. Er sah sie in einem negativen Licht. Er wollte ihre Vernichtung, nicht ihre Rettung. Gott musste ihm zureden und zeigen, dass Seine Liebe und Fürsorge selbst einer bösen Stadt wie Ninive galten. Ich glaube, wir heute sollten uns daran ein Beispiel nehmen. Gott liebt noch immer die Niniviten auf der ganzen Welt und will, dass auch wir sie lieben, Moslems eingeschlossen. Wie versuchte Gott, Jonas Herz zu verändern?

Jona 4,10-11 SCH
Da sprach der Herr: Du hast Mitleid mit dem Rizinus, um den du dich doch nicht bemüht und den du nicht großgezogen hast, der in einer Nacht entstanden und in einer Nacht zugrunde gegangen ist. Und ich sollte kein Mitleid haben mit der großen Stadt Ninive, in der mehr als 120 000 Menschen sind, die ihre rechte Hand nicht von ihrer linken unterscheiden können, dazu so viel Vieh!

Wenn wir Jesus als Herrn und König und Erlöser annehmen, tut er etwas Wunderbares in uns: Er befähigt uns zu einer Liebe, die über Kultur, Geschichte und Verfolgung hinausgeht, und verwandelt uns so, dass wir sogar unsere Feinde lieben können. Es war für mich eine erstaunliche Entdeckung, dass Gott Moslems liebt, ungeachtet dessen, was sie getan haben oder immer noch tun. Für Gott sind sie wichtig, deshalb sollten sie auch mir wichtig sein!
Für ihre Bekehrung beten

Es fiel mir nicht leicht, meine Einstellung zu Moslems zu ändern. Wegen Verfolgung und der Freiheit, den Sabbat zu halten, war ich nach Amerika ausgewandert. Als ich eines Tages bei meiner Andacht war, legte Gott mir den Gedanken aufs Herz, für Moslems zu beten. Das war eine seltsame Vorstellung. Mein ganzes Leben hatte ich noch nie für sie gebetet! Ein Christ, der in einem muslimischen Mehrheitsland groß geworden war, tat so etwas einfach nicht. Ich wusste, dass Gott die Moslems liebte, aber ich hatte nie daran gedacht, dass ich sie lieben und für sie beten sollte. Ich dachte sogar, wenn die Bekehrung von Moslems so schwierig ist, warum sich überhaupt die Mühe machen? Darum müsse sich eben Gott kümmern. Ich musste diese ablehnende Haltung gegenüber den Leuten aufgeben, die mich für mein Christsein ausgelacht und mich bedrängt hatten, Moslem zu werden. Jedes Mal, wenn ich an das Massaker an meinen Vorfahren denke, merke ich, wie es in mir anfängt zu kochen. Doch dann muss ich innehalten und Gott bitten, meinen Zorn und Groll wegzunehmen und mir Liebe zu Moslems zu schenken. In den letzten Jahren habe ich auf meinen Gebetsgängen von Zeit zu Zeit für Moslems gebetet. Ich bete für mich um mehr Liebe zu ihnen und dass Gott mir zeigt, wie ich sie am besten ansprechen kann. Wir können Menschen nur erreichen, wenn wir sie lieben, ihr Bestes wollen und für sie beten. Meine Gebete für Moslems haben mich radikal verändert. Der Drang in mir, Moslems zu erreichen, ist sehr viel stärker geworden. Ichbete abwechselnd für verschiedene muslimische Länder. Ich bete für Frieden, und ich bete immer dafür, dass sie Jesus als ihren Erlöser kennenlernen.

Ihre Gemeinschaft suchen

Wo immer ich in den USA gelebt habe, habe ich mich aufrichtig bemüht, die Moslems in meiner Umgebung kennenzulernen. Einmal entstand eine Beziehung mit einem muslimischen Studenten aus Ägypten, der an seinem Doktorat für Atomphysik arbeitete. Ein anderes Mal freundete ich mich mit einem Mann aus Saudi-Arabien an. Ich habe auch muslimische Freunde aus Kuwait, Jordanien und dem Libanon. Wir sind miteinander im Gespräch. Wir respektieren uns und haben uns gegenseitig zu Hause besucht. Ich habe ihnen erklärt, warum ich Christ bin, und sie haben mir erzählt, warum sie Moslems sind. Zwischen uns ist Sympathie und Wertschätzung gewachsen.
Es verlangt viel Zeit und Einsatz, aber es lohnt sich, denn Jesus möchte, dass wir dieses Werk tun. Meine missionarischen Bemühungen um Moslems wurden teilweise auch von Erfolg gekrönt. Einmal knüpfte ich eine Beziehung mit zwei Brüdern aus dem Libanon, die schließlich mehr über Jesus erfahren wollten. Wir begannen eine Art Bibelstunden, die nach einigen Jahren zu ihrer Taufe führten. Das war ein wundervoller Freudentag und für mich eine wichtige Bestätigung, dass ich auf dem richtigen Weg war.

Ein persönlicher Appell

Meine Reise von Gleichgültigkeit und Hass hin zu intensivem Engagement und Einsatz zur Rettung von Muslimen ist kein Spaziergang gewesen. Ich musste meine Vorurteile und bitteren Gefühle überwinden und Gott bitten, mein Herz und mein Denken zu verändern, sodass es mir zu einem Anliegen würde, dass Gott sie rettet. Ich musste lernen, sie zu lieben, denn der erste Schritt, wenn man für jemanden arbeiten und ihn mit Gottes Gnade berühren möchte, ist ihn zu lieben und anzunehmen. Ich möchte jeden meiner christlichen Freunde in der muslimischen Welt oder auch sonst wo aufrufen: Bete darum, dass Gott dir Liebe zu deinen muslimischen Brüdern und Schwestern schenkt! Bete, Gott möge dir helfen, sie als im Bild Gottes geschaffene und durch Jesu Blut erlöste Menschen zu sehen. Durch das Gebet verändert Gott uns. Dann bau eine Beziehung zu ihnen auf. Bete innig darum, dass sie Jesus Christus kennenlernen und ihn als Herrn und Erlöser annehmen. Jesus zu kennen und zu lieben entscheidet über ewiges Leben und ewigen Tod. Wenn das so ist, dann müssen wir auch Beziehungen mit Moslems pflegen und sie als Freunde und Mitpilger auf dem Lebensweg betrachten, auf dem wir alle Gott und seine Gnade brauchen. Es wird Zeit und Kraft kosten, aber das ist es wert. Gott wird dich segnen, und du wirst erleben, wie sich vieles bewegt. Darum lasst uns Moslems lieben, für sie beten und die Begegnung mit ihnen suchen!

Quelle: Journal of Adventist Mission Studies (JAMS), Bd. 8, Nr. 2 (2012)

Über den Autor

S. Joseph Kidder

Langjähriger Prediger, Professor für praktische Theologie an der Andrews-Universität (USA)