Korrigierende Seelsorge - im Hinblick auf unser Heil

Entnommen aus “Ministry”, der Predigerzeitschrift der STA

Stellt euch einmal eine Gruppe von Menschen beim Picknick vor, die beobachtet, wie ein Mann mit verbundenen Augen auf die Kante einer steilen Klippe zugeht. Eine kurze Diskussion entbrennt, ob jemand eingreifen sollte, aber dann kommt man überein, dass es eigentlich keinen etwas angeht und so fällt der Mann die Klippe hinunter. Für dieses Verhalten gibt es nur ein Wort: grausam.

Und jetzt stellt euch eine Gemeinde vor, in der die Glieder eine ähnliche Meinung über Korrigierende Seelsorge vertreten: Nur nichts ansprechen. Nur nicht eingreifen. Nur nicht vor den Kopf stoßen. Nur nicht urteilen. Nur nicht aufregen. Nur nicht einmischen. Darauf trifft die gleiche Bezeichnung zu: grausam. Aber leider ist das nicht ungewöhnlich, da Korrigierende Seelsorge bei den meisten Gemeinden in Vergessenheit geraten ist. Die meisten Pastoren meinen, sie sei nur sehr schwer zu handhaben, weil die Gemeindeglieder dazu neigen, Korrigierende Seelsorge für lieblos zu halten.

Linda (Name geändert) war die Tochter eines Mitarbeiters der Gemeinde, in der ich Prediger war. Sie entschloss sich, mit ihrem Freund in wilder Ehe zusammen zu leben.

Diese junge Frau war in der Gemeinde sehr beliebt. Sie war nicht freizügig oder auf Männer aus; ihre Sünde war weniger schwer wiegend als ich sie schon in anderen Gemeinden geduldet sah. Nachdem ich mit ihrem Vater gesprochen hatte, bat ich eine unserer einfühlsamsten Diakoninnen, sie zu besuchen. Später nahm ich einen der Gemeindeältesten mit, um mit ihr zu reden. Linda erklärte ihre Entschlossenheit, ihren eingeschlagenen Kurs beizubehalten; aber sie verstehe, was wir nun tun müssten. Als diese doch recht konservative Gemeinde während einer Gemeindestunde offiziell über ihren Ausschluss entschied, stimmte fast ein Drittel der Anwesenden dagegen.

Auswüchse und Mythen

Vielleicht stellt unser Unbehagen der Korrigierender Seelsorge gegenüber eine Reaktion auf manche Auswüchse in der Vergangenheit dar, in der übereifrige Leiter versessen darauf waren, „in der Gemeinde aufzuräumen“. Man war nicht gewillt die notwendige Mühe aufzuwenden, um den biblischen Weg einzuhalten. Dabei wurde manches schwächere Glied in den geistlichen „Ruin“ getrieben.

Meistens gehören solche Auswüchse jedoch der Vergangenheit an. Wenige Gemeinden sind heutzutage dazu bereit, den Schmerz einer Konfrontation zu ertragen. Skandalöses Verhalten wird eher zum Thema des privaten Geredes, offiziell aber wird es totgeschwiegen.

Ironischerweise werden die disziplinären Aufgaben im Sport oft besser erledigt als in der Gemeinde Gottes. Die offiziellen Stellen im Sport wissen, dass die Integrität des Sports von Athleten untergraben wird, die Drogen nehmen, unerlaubte Absprachen treffen oder auch nur zu lange ausbleiben. Oftmals ziehen solche Vergehen schwere Strafen nach sich. Wir sind nicht annähernd so besorgt um die Integrität des Leibes Christi. Ich glaube, dass unsere Zurückhaltung im Blick auf Korrigierende Seelsorge auf falschen Annahmen beruht, die so oft wiederholt wurden, bis sie gemeindliches Allgemeingut wurden. Die ganze Thematik verdient es, entmythologisiert zu werden.

Mythos Nr. 1 „Lasst beides miteinander wachsen bis zur Ernte …“

In seinem Gleichnis sprach Jesus nicht von der Gemeinde. Denn in Matthäus 13,38 sagt er ganz ausdrücklich, dass das Feld für die Welt steht. Das Gleichnis spricht nicht von unbekehrten Sündern in der Gemeinde, sondern behandelt die Frage, warum Gott Böses in der Welt zulässt.

Wenn jemand dieses Gleichnis homiletisch auf die Gemeinde anwendet wie Ellen White es tut, dann sollte man sich daran erinnern, dass Jesus davon sprach, das Unkraut zu belassen (das wie Weizen aussieht*). Vom Dornengestrüpp ist hier nicht die Rede. Ellen White fasste dieses Gleichnis nie so auf, als ob die Gemeinde die dulden müsse, „die in offener Sünde beharren“.

Mythos Nr. 2 „Die Gemeinde ist ein Krankenhaus für Sünder“

Dieses Sprichwort legt nahe, dass die Gemeinde eher eine Rehabilitationseinrichtung für Sünder ist als ein Museum für die Heiligen. Natürlich, wenn die Gemeinde nicht ein Ort wäre, wo kranke Menschen Heilung finden, dann könnten du und ich nicht dazugehören. Christus sagte: „Nicht die Starken brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Ich bin nicht gekommen Gerechte zu berufen, sondern Sünder zur Buße.“ (Mark. 2,17) Aber jeder bildhafte Vergleich hat seine Grenzen. Ein Krankenhaus arbeitet folgendermaßen: Je kränker du bist, umso schneller bekommst du einen Platz. Wenn es dir besser geht, gehst du nach Hause. Funktioniert die Gemeinde auch so? Hoffentlich nicht.

Da hat das Bild des Museums (die Gemeinde als Gottes Schaukasten seiner Gnade) schon eine bessere biblische Grundlage. „Denn wir sind seine Schöpfung, erschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, damit wir in ihnen wandeln sollen.“ (Eph. 2,10)

„Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum, ein heiliges Volk, ein Volk des Eigentums, damit ihr die Tugenden dessen verkündet, der euch aus der Finsternis berufen hat zu seinem wunderbaren Licht … und führt einen guten Wandel unter den Heiden, damit sie da, wo sie euch als Übeltäter verleumden, doch aufgrund der guten Werke, die sie gesehen haben, Gott preisen am Tag der Untersuchung.“ (1. Petrus 2,9-12)

Was die Menschen in der Gemeinde sehen, wenn sie von außen hineinblicken, sollte sie veranlassen, Gott zu preisen. Die Gemeinde sollte ein Platz sein, wo nicht unbedingt Perfektion sichtbar werden muss, aber doch genügend Beweise von Gottes erlösender Gnade.

Vielleicht brauchen wir einen neuen Vergleich. Möglicherweise ist die Gemeinde eher wie ein Automobilgeschäft, das auch ziemlich ramponierte Autos annimmt. Obwohl es Ölflecken auf dem Boden gibt und schrottreife Wracks herumstehen, gibt es doch einige wunderschön restaurierte Autos, die aus diesem Geschäft stammen und ihren Platz in Automobilausstellungen finden.

Mythos Nr. 3: „Christen sollten andere nicht richten“

Was für den Einzelnen gilt, gilt nicht für die Gemeinschaft. Als Einzelne sind wir aufgerufen, nicht zu urteilen (siehe Mt. 7,1-2). Während sich die Gemeinde als Gemeinschaft der Gläubigen davor hüten soll, über Außenstehende zu urteilen, ist sie aufgefordert, ihre Glieder zur Rechenschaft zu ziehen (siehe 1. Kor. 5,12). Die Gemeinde hat die Aufgabe, ja die Pflicht, sich mit Sündern in ihren Reihen zu beschäftigen.

Wenn es keinen gemeinsamen Ausspruch des Tadels gibt, werden manche Mitglieder dem Betreffenden die kalte Schulter zeigen, weil sie sich verpflichtet fühlen, ihrer Missbilligung irgendwie Ausdruck zu verleihen. Aber eine gemeindliche Stellungnahme befreit den Einzelnen, auch weiterhin mit dem Gestrauchelten freundschaftlich verkehren zu können, ohne dabei das Gefühl zu haben, dass die Grundsätze der Gemeinde kompromittiert wurden. Diese Vorgehensweise gibt dem Schuldiggewordenen den Status eines Außenstehenden. Und da die Gemeinde über einen Außenstehenden nicht urteilen soll, hilft das den Gemeindegliedern, ihn wie jeden anderen Interessierten zu behandeln und ihn zurückzugewinnen.

Mythos Nr. 4: „Die Verwundeten in der Gemeinde werden ‚abgeschossen’“

Korrigierende Seelsorge bedeutet nicht, dass Verwundete „abgeschossen“, sondern dass sie behandelt werden. Und wie so viele medizinische Behandlungen ist auch diese manchmal mit Schmerzen verbunden. Die Tragödie bei einer Nichtbehandlung – sprich einen Verzicht auf Korrigierende Seelsorge – ist eine Verschlimmerung der Wunde, die schließlich den ganzen Körper vergiftet. Wir können nicht erwarten, dass Gemeindeglieder in Jubel ausbrechen, wenn sie unter Korrigierende Seelsorge gestellt werden. „Alle Züchtigung aber erscheint uns für den Augenblick nicht zur Freude.“ (Hebr. 12,11)

Genau genommen ist es nicht korrekt, diejenigen, die willentlich und offensichtlich die Grundsätze der Gemeinde verletzen, als „Verwundete“ zu bezeichnen. Tatsächlich sind es vielmehr sie, die die Gemeinde verletzen; denn schon ein wenig Sauerteig durchsäuert den ganzen Teig (vgl. 1. Kor. 5,6).

Ein Freund erzählte mir, dass in einer der ersten Gemeinden, in denen er Prediger war, alle noch so großen Anstrengungen kein Ergebnis brachte. Der Prediger und die Glieder beteten, missionierten, gaben Bibelstunden; aber Gottes Segen ruhte nicht auf dieser Gemeinde, und es gab keine Taufen. Nachdem dies einige Jahre so blieb, kam es ans Licht, dass der Gemeindeälteste im Ehebruch lebte. Nachdem man versucht hatte, die Angelegenheit in einer liebevollen Art zu bereinigen, musste der Name des Ältesten leider aus den Büchern entfernt werden; die Gemeinde aber begann zu wachsen.

Eine Gemeinde kann durch geistliche Nachlässigkeit so durchsäuert werden, dass sie Gefahr läuft abzufallen.

Der Segen Gottes kann nicht auf einer Gemeinde ruhen, die offensichtliche Sünden unter den Gliedern und vor allem bei ihren Leitern duldet. Wundbrand wird einen Körper töten, wenn das abgestorbene Gewebe nicht sofort vom Chirurgen entfernt wird. Dieser Eingriff ist keine angenehme Prozedur; aber in vielen Fällen notwendig, damit die Heilung einsetzen kann. Nein, die Gemeinde sollte ihre „Verwundeten“ nie „abschießen“. Aber Gesetzlose fallen unter eine andere Kategorie. Die Regeln, nach denen mit Gesetzlosen verfahren werden soll, werden in Matthäus 18 und 1. Korinther 5 beschrieben.

Ein Rat in puncto Korrigierender Seelsorge

Matthäus 18 zeigt den Weg, der eingeschlagen werden soll, wenn ein Gemeindeglied an einem anderen schuldig wird. Zuerst soll der Betroffene ein privates Gespräch suchen. Falls das Problem dadurch nicht gelöst werden kann, sollten nach und nach größere Abordnungen den Schuldigen mit seiner Schuld konfrontieren. Wenn auch das nicht zur Reue führt, ist das letzte Mittel der Ausschluss aus der Gemeinde.

Die andere Textstelle ist nicht so bekannt. Sie findet Anwendung in Situationen, bei denen ein Gemeindeglied nicht direkt durch die Sünde eines anderen in Mitleidenschaft gezogen wurde. Der Anstoß zu diesem Kapitel (1. Korinther 5) war ein Fall von offener sexueller Verfehlung innerhalb der Gemeinde. Die Sünde war so widerlich, dass sogar Außenstehende sie als skandalös empfanden. Paulus fragt, warum derjenige noch nicht ausgeschlossen wurde. Dabei schränkt er seinen Rat nicht auf diesen einzelnen Vorfall ein, sondern legt eine allgemeine Regel für ähnliche Fälle fest. Gemeindeglieder sollten nicht mit jemandem Umgang haben, „der sich Bruder nennen lässt und dabei ein Unzüchtiger oder Habsüchtiger oder Götzendiener oder Lästerer oder Trunkenbold oder Räuber ist …“ (Vers 11)

Er erinnert die Gemeinde an ihre Pflicht, ihre Glieder zu richten und schließt: „So tut den Bösen aus eurer Mitte hinweg!“ (Verse 12 und 13)

Obwohl das herzlos und hart klingt, ist es die größte Liebe, die wir erweisen können. Wenn ein Elternteil willentlichen Ungehorsam bei Kindern duldet - nennen wir das Liebe? Genauso verhält es sich, wenn eine Gemeinde nicht die Initiative ergreift, obwohl eines ihrer Glieder in offener Sünde lebt. Das kann niemals als Liebe hingestellt werden.

Ich kenne keine deutlichere Art und Weise zu sagen: „Uns ist es einfach egal“, als Leute auf der Gemeindeliste zu belassen, die offen die christlichen Grundsätze verletzen. Eine solche Gleichgültigkeit gibt ihnen ein falsches Gefühl der Sicherheit, das sie davon abhalten könnte, die Notwendigkeit ihrer Bekehrung zu erkennen. Wahre Liebe kümmert sich um den anderen und nimmt auch eine Konfrontation in Kauf, um auf liebende Art den rechten Weg zu weisen. Das ist lebensnotwendig sowohl für das Überleben der Gemeinde als auch für das Heil des Einzelnen.

Ein Prediger und Evangelist, der sich auf die Arbeit mit ehemaligen Geschwistern spezialisiert hat, weigert sich Aussteiger zu besuchen, die nicht ausgeschlossen wurden. Er weiß aus Erfahrung, dass es reine Zeitverschwendung ist. Korrigierende Seelsorge, richtig und in Liebe angewendet, ermöglicht einen Schlussstrich unter die Vergangenheit und das Wagnis eines Neubeginns. Aber wer nie gegangen ist, kann auch nicht zurückkommen. Die Mitgliedschaft verkommt zu einer Weiterführung der alten, kranken und unehrlichen Beziehung zur Gemeinde. Korrigierende Seelsorge wahrt sowohl die Integrität der Gemeinde als auch die Würde der Übertreter, indem bewusst gemacht wird, dass das Verhalten sehr wohl von Wichtigkeit ist.

Korrigierende Seelsorge in Liebe

Zwei Frauen, die beide Glieder der gleichen Gemeinde waren, lebten mit ihren Partnern in wilder Ehe. Eine von ihnen wurde nie unter Korrigierende Seelsorge gestellt. Die andere wurde ausgeschlossen. Beide heirateten später ihre Partner, mit denen sie vorher zusammengelebt hatten. Die erste Frau wird immer noch als Mitglied geführt, ist aber nie mehr in die Gemeinde gekommen. Die andere – Linda, über die eingangs berichtet wurde – ist wieder ein aktives Mitglied der Gemeinde. Als die Gemeinde Linda die Entscheidung, sie auszuschließen, schriftlich mitteilte, lautete der Brief ungefähr so: „Bitte vergib uns, dass wir uns nicht mehr um dich gekümmert haben, als du vor einer Entscheidung standest. Wären wir bessere, treuere Freunde gewesen, wäre dieser Schritt vielleicht nicht notwendig geworden. Vergib uns, dass wir zu sehr mit unseren eigenen Angelegenheiten beschäftigt waren, anstatt deinen Glauben zu stärken. Bitte höre nicht auf, in die Gemeinde zu kommen. Wir wünschen uns von ganzem Herzen, dich bei uns zu haben. Deine Freunde brauchen dich. Wenn wir auch deine Handlung nicht billigen können, sollst du doch wissen, wie sehr wir dich lieben und nur das Beste für deine Zukunft wollen.“ Ein paar Jahre später wurde sie wieder getauft.

Die Gemeinde muss mit Tränen in den Augen Korrigierende Seelsorge anwenden. Der Sinn und Zweck ist immer heilsorientiert und niemals vergeltend. Eine Gemeinde, der es an echtem Gefühl und Interesse fehlt und der es an Mut mangelt, eine Konfrontation zu wagen, ist ein Trauerspiel. Eines der Kennzeichen einer sterbenden Gemeinde ist, dass sie verzweifelt bemüht ist, ihre Mitglieder zu halten. Aus diesem Grunde weigert sie sich, irgendetwas zu unternehmen, was Anstoß erregen könnte.

Falls ich jemals so in Sünde fallen sollte, hoffe ich, dass sich jemand meiner annimmt. Ich hoffe auf meine Freunde, auf ihre Frage: “Tim, wie steht es um dein Heil?“ – eine berechtigte Frage, die meines Wissens aber die politisch unkorrekteste überhaupt ist. Wenn das keine Wirkung zeigt, bleibt zu hoffen, dass meine Geschwister in der Gemeinde sich genug um mich sorgen, um sich mir in den Weg zu stellen und mich an meine Privilegien und die Gefahren zu erinnern und falls nötig öffentlich Rechenschaft von mir zu fordern. Und als letzten Schritt, so hoffe ich, hat meine Gemeinde den Mut, mich in Liebe auszuschließen; bis zu der Zeit, da ich bereit bin meine Reue öffentlich zu zeigen - denn genau so handhabt eine gesunde Gemeinde Korrigierende Seelsorge.

Gott, erlöse mich von den Gemeinden, denen es einfach egal ist.


* Dieses Unkraut heißt Palästinensischer Lolch, „das Kraut unter dem Weizen“ (Lolium temulentum). Die Pflanze ist in ihrer ersten Entwicklungsstufe schwer vom Weizen zu unterscheiden, den Körnern wird eine betäubende und schädliche Wirkung zugeschrieben. (Diese Erklärung mit Bild steht in der Illustrierten Hausbibel nach Luther von 1888, erschienen im Friedrich-Pfeilstücker-Verlag, Berlin)