Bei seelsorgerlichen Gesprächen fällt mir immer wieder auf, wie sehr sich viele Gläubige ständig mit ihren Sünden und Versäumnissen, Fehlern und Mängeln beschäftigen. Was dabei herauskommt, sind Selbstrechtfertigung oder Verzweiflung, Heilsunsicherheit und Kraftlosigkeit, der Sünde zu widerstehen. Doch wir sind nicht aufgerufen, auf unsere Sünden zu schauen, sondern auf Jesus, „der uns liebt und erlöst hat von unseren Sünden mit seinem Blut“ (Offenbarung 1,5; Luther). Angesichts der Sünde, die uns in diesem Leben „ständig umstrickt“, sollen wir „aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens“ (Hebräer 12,1.2).

Das Verweilen bei der Sünde bringt uns den Tod. Das Aufsehen zu Jesus, der für unsere Sünde gestorben und zu unserer Rechtfertigung auferstanden ist und der zu unserer Verherrlichung wiederkommen wird, bringt Leben und erneuernde Kraft. Das Verweilen bei der Sünde lähmt unsere Aktivität. Das Aufsehen zu Jesus, „der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen“ (Psalm 103,3), erlöst zu liebender, dankbarer Hingabe, „dass ich die Liebe, von der ich lebe, liebend an andere weitergebe“, wie es einem bekannten Lied heißt.

Die Beschäftigung mit eigener oder fremder Sünde

Die Beschäftigung mit der Sünde verstärkt ihre Kraft. Wer sich ständig mit seinen Fehlern und Mängeln befasst, wird immer stärker an sie gebunden. Darum sollen wir nicht unsere sündige Natur beklagen, sondern täglich innige Gemeinschaft mit Jesus pflegen, in dem keine Sünde ist und in dem wir „die Vergebung der Sünden haben, nach dem Reichtum seiner Gnade“ (Epheser 1,7). Wir sollen auf Jesus schauen, der uns den Rücken freimacht von unvergebener Schuld, der zu uns spricht: „Sei getrost, mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben“ (Matthäus 9,2), und der uns mit der Vergebung einen Neuanfang möglich macht.

Die Beschäftigung mit eigener oder fremder Sünde schafft Kläger und Angeklagte, bringt Spannung und Entfremdung in unsere mitmenschlichen Beziehungen, Angst und Unsicherheit, Richtgeist und Schuldgefühle. Das Aufsehen zu Jesus schafft Freiheit zum Dienst in der Kraft der Liebe. Denn wem viel vergeben ist, der liebt viel (Lukas 7,47). Ohne Aufsehen zu Jesus, der „sich nicht schämt, uns Brüder zu nennen“ (Hebräer 2,11), gibt es keine Bruderschaft in der christlichen Gemeinde. Eine liebende Gemeinschaft von bekennenden Sündern kann es nur dort geben, wo an die Vergebung der Sünden geglaubt wird.

Manche schauen ständig auf ihre Mitmenschen und Mitgeschwister in Christus. Sie beschäftigen sich mit deren Fehlern und Unvollkommenheiten; sie kritisieren und verurteilen; sie nehmen Anstoß und Ärgernis am Verhalten ihres Nächsten. Mancher hat dadurch die Gemeinde wieder verlassen oder im Glauben Schiffbruch erlitten. Doch wir sind nicht aufgerufen, auf Menschen zu schauen, sondern auf den Menschensohn – Christus. Über sein Wesen und seinen Wandel sollen wir nachdenken.

Aufsehen zu Jesus, das bedeutet auch, dass wir wegsehen von unseren Schwachheiten und unvollkommenen Werken. Sind wir jemals dadurch stärker geworden, dass wir unsere Schwäche beklagten? Die Bibel sagt: „Die auf ihn sehen, werden strahlen vor Freude, und ihr Angesicht soll nicht schamrot werden.“ (Psalm 34,6) Wir dürfen nicht auf unsere Niederlagen sehen, sondern müssen auf den Sieger schauen, der für uns den Sieg vollkommen errungen hat. Wir müssen auf seine Macht und Stärke blicken und uns ihm anvertrauen. In uns selbst sind wir schwach und unfähig, den Kampf gegen die Sünde zu bestehen. Aber die Kraft des göttlichen Retters wird allen zuteil, die von sich wegblicken und vertrauensvoll auf Jesus schauen.

Die Beschäftigung mit den eigenen Werken

Es gibt auch Gläubige, die sich gerne mit dem beschäftigen, was sie für Jesus getan haben oder tun. Doch solche Betrachtung führt nur zu Stolz und falschen Erwartungen. Wenn Gottes Führung und Schickungen dann anders sind, als sie meinen, es verdient zu haben, dann beginnen sie, an Gott irre zu werden oder ihn anzuklagen. Wer sich darauf verlässt, was er für Gott geleistet hat oder mit seinen Gaben und Fähigkeiten vollbringen kann, verliert Christus aus den Augen. Wir sind darum nicht aufgerufen, uns mit unseren religiösen Leistungen zu beschäftigen, sondern auf das von Jesus für uns vollbrachte Werk zu sehen. Eine solche Betrachtungsweise wird uns demütig machen und zu größerer Hingabe veranlassen. Die Beschäftigung mit den eigenen Werken gibt uns keine Heilssicherheit. Wer ehrlich vor sich selbst ist, wird immer erneut zu der Erkenntnis kommen, wie unvollkommen und unwürdig seine Werke vor Gott sind. Nur im Aufsehen zu Jesus, „welcher ist um unserer Sünden willen dahingegeben und um unserer Rechtfertigung willen auferweckt“ (Römer 4,25), finden wir Frieden und Heilsgewissheit. Nur so können wir uns der „Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit“ rühmen (Römer 5,2).

Wir stehen heute in der Gefahr, uns mehr mit unserer scheinbaren Erfolglosigkeit zu beschäftigen als mit dem Auftrag: „Werft eure Netze aus!“ (Lukas 5,4) Wir sind ständig geneigt, mit den Jüngern im Fischerboot zu sprechen: „Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen.“ (Vers 5) Doch eine solche Betrachtungsweise führt zu Entmutigung, Resignation und Frustration. Mancher Prediger hat deswegen das Predigtamt verlassen. Ich habe Gemeinden kennengelernt, die durch die Betrachtung scheinbarer Erfolglosigkeit so gelähmt waren, dass sie sich zu keiner weiteren Missionsarbeit entschließen konnten. Doch auch in diesem Fall lautet das Heilmittel: aufsehen zu Jesus, dem gegeben ist „alle Gewalt im Himmel und auf Erden“ (Matthäus 28,18). Wir sind aufgerufen, auf den zu sehen, „dem kein Ding unmöglich ist“ (Jeremia 32,17).

Bevor Jesus den Lazarus auferweckte, hielt ihm Martha entgegen: „Herr, er stinkt schon.“ (Johannes 11,39) Bemühe dich nicht mehr. Es hat keinen Zweck mehr. Die Situation ist ausweglos. Doch diese Haltung wird von Jesus getadelt: „Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen?“ (Vers 40) Wir sind nicht aufgerufen, uns mit dem zu beschäftigen, was vor Augen ist, sondern wir sollen auf den sehen, „der die Toten lebendig macht und ruft das, was nicht ist, dass es sei“ (Römer 4,17). Wir sollen auf den sehen, für den es keine hoffnungslose Situation gibt, „der allein Wunder tut“ (Psalm 72,18). Dieses Aufsehen wird uns ermutigen, große Dinge für Gott zu wagen und zu tun.

Die Beschäftigung mit dem, was einem angetan worden ist

Depressiv

Es gibt Menschen, die sich ständig mit dem herumplagen, was man ihnen angetan oder auch nicht angetan hat, und dagegen ihr vermeintliches Recht setzen, von den Menschen Gutes zu empfangen. Wie viel Verärgerung und Enttäuschung, Bitterkeit und Selbstmitleid, Hass und Rachsucht und als Folge davon körperliches Leiden und seelische Not sind dadurch schon entstanden! Das Aufsehen zu Jesus würde auch hier Hilfe und Heilung bringen, weil wir uns dann mit dem befassen, was wir Jesus getan oder nicht getan haben. Eine solche Betrachtung führt uns zu Reue und Buße. Der Gedanke an sein Opfer auf Golgatha weckt lebendige und geheiligte Empfindungen in uns. Selbstmitleid und Selbstvergötterung gedeihen nicht mehr in einem Herzen, das sich mit dem Wunder der Liebe beschäftigt und dem das Leiden Jesu für unsere Sünden am Kreuz von Golgatha vor Augen steht.

Mose konnte nur deshalb mit den Enttäuschungen und Anfechtungen, die er täglich durch ein rebellisches Volk erlitt, fertig werden, weil „er sich an den hielt, den er nicht sah, als sähe er ihn“ (Hebräer 11,27). Dazu sind auch wir aufgerufen. „Lasst uns … aufsehen zu Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens, … der so viel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, damit ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst.“ (Hebräer 12,1-3)

Die Beschäftigung mit den eigenen Plänen

Aufsehen zu Jesus bedeutet auch, dass wir uns nicht ständig mit unseren Plänen, Zielen und Vorhaben befassen, sondern dass wir uns mit Gottes wunderbarem Heilsplan beschäftigen und mit dem Auftrag, den Jesus uns gegeben hat. Aufsehen zu Jesus meint, dass wir unsere Vorhaben von seinem Plan bestimmen lassen und uns fragen, wie wir Gott so dienen können, wie Jesus ihm gedient hat. Vor wie viel Schaden wären wir oft bewahrt geblieben, hätten wir nicht hartnäckig unseren Plan und unsere Ziele verfolgt, sondern auf Jesus gesehen, uns von ihm führen lassen und seinen Willen an die erste Stelle gesetzt!

Die Beschäftigung mit dem eigenen Glauben

Andere schauen mehr auf das, was sie für die Wahrheit halten, als auf den Einen zu blicken, der die Wahrheit ist und der durch sein Leben und seinen Tod die Wahrheit in Wort und Tat übereinstimmend bezeugt hat. Viele beschäftigen sich mehr mit ihrem kleinen oder großen Glauben als mit Jesus, der durch seinen Geist und durch sein Wort den Glauben in ihnen weckt und nährt.

Gott empfängt Dich mit offenen Armen

Aufsehen zu Jesus bedeutet, dass wir uns nicht mit unserem Glauben beschäftigen, sondern Gemeinschaft mit dem Anfänger und Vollender unseres Glaubens haben. Denn nur so können wir in einem rettenden Glauben bleiben. Aufsehen zu Jesus setzt voraus, dass wir uns nicht um die Wahrheit streiten, sondern den lieben, der die Wahrheit ist. Denn nur so können wir in der Wahrheit sein und ständig die Wahrheit erkennen, die uns frei macht.

„Sie werden sein Angesicht sehen“

Wer auf Jesus sieht, wird sich nicht länger mit seinem sündigen Zustand beschäftigen und sein Unvermögen bejammern Er wird nicht bei der Diagnose seines elenden Sünderseins verharren, sondern sich völlig dem Einen anvertrauen, der die Therapie weiß und der willig und fähig ist, alle unsere Gebrechen zu heilen und unser Leben vom Verderben zu erlösen. Alle, die im Glauben zu Jesus aufsehen, werden dadurch verwandelt werden und einmal Jesus von Angesicht zu Angesicht sehen. Für sie wird die Zusage Gottes aus Offenbarung 22,3.4 in Erfüllung gehen: „Seine Knechte werden ihm dienen und sein Angesicht sehen.“

 

Helmut Mayer, „Überwinder leben von Jesu Verheißungen“, Standpunkte (Ausg. 13, 2009), S. 45-49

Über den Autor

Helmut Mayer

war 40 Jahre lang als Pastor und Evangelist in Deutschland tätig. Er verbringt seinen Ruhestand in Spanien, wo er eine deutschsprachige Hausgemeinde leitet.