Warum legen Adventisten Prophetie anders aus?

Bestimmte protestantische Fernsehprediger oder auch Literatur wie die Buchreihe Finale kommen in ihrer Prophetieauslegung zu Ergebnissen, die in den Ohren mancher Geschwister sehr interessant klingen. Hinter diesen Deutungen stehen allerdings völlig „unadventistische“ Ansätze prophetischer Interpretation. Ist unsere Auslegungsmethode noch die richtige? antiochusWie kann man sich hier zurechtfinden?
In der Vergangenheit sind verschiedene Methoden zur Auslegung der Bücher Daniel und Offenbarung vorgeschlagen worden. Die historische oder historizistische Methode besagt, dass Prophezeiungen im Laufe der Weltgeschichte in Erfüllung gehen.
Vertreter des Präterismus hingegen glauben, Daniels Hauptaugenmerk habe der Regierung von Antiochus IV. Epiphanes gegolten. Im Mittelpunkt der Offenbarung sehen sie die Regierung Kaiser Neros. Die Schule des Präterismus ist also auf die Vergangenheit fixiert.
Die futuristische Schule legt dagegen die Erfüllung der Prophetie vor allem in die Zukunft. Ein besonders einflussreicher Zweig der futuristischen Schule ist der Dispensationalismus, der die Erfüllung auf die letzten sieben Jahre der Weltgeschichte begrenzt.

Unvereinbare Gegensätze

Der Konflikt zwischen diesen drei Methoden besteht seit der Gegenreformation im 16. Jahrhundert und verstärkte sich durch die Wiederbelebung des Präterismus im 18. Jahrhundert und den aufkommenden Dispensationalismus Anfang des 19. Jahrhunderts. Eine Synthese der Ansätze ist nie gelungen, auch wenn in den 80er Jahren unter dem Anspruch „Ein Ausleger darf alles behaupten, aber nichts bestreiten“ einmal ein kurzer Versuch unternommen wurde.
Es ist offensichtlich, dass diese Methoden unvereinbar sind. Vertreter des Dispensationalismus beispielsweise meinen, innerhalb des christlichen Heilszeitalters gebe es einen langen Abschnitt, über den die Prophetie schweige. Während der letzten sieben Jahre der Erdgeschichte würde dann die prophetische Uhr wieder anfangen zu ticken, und das ganze Repertoire biblischer Prophezeiungen gehe dann in Erfüllung. Historizisten wiederum sagen, Prophetie sei für die gesamte christliche Ära von Bedeutung.
Nun könnte man sagen, die Ansätze ließen sich unter folgender Voraussetzung zusammenführen: Die historische Auslegung erfüllt sich während und die dispensationalistische Auslegung am Ende der christlichen Ära. Allerdings leiten beide Schulen ihre jeweiligen Voraussagen aus denselben Prophezeiungen ab. Im Dispensationalismus weist man auf einen persönlichen einzelnen Anti-Christus am Ende der Zeit hin, während der Historizismus einen korporativen Anti-Christus, eine über Jahrhunderte hinweg aktive kirchliche Institution erkennt. Diese Auslegungen sind hoffnungslos gegensätzlich. Dasselbe trifft auf den Präterismus zu. Der Präterismus sagt letztendlich, dass Daniels Prophezeiungen nicht über das zweite Jahrhundert vor Christus hinausreichen und die Prophezeiungen in der Offenbarung nicht über das erste Jahrhundert nach Christus. Die historische und futuristische Interpretation geht zeitlich in vielen Punkten weit über diese Endpunkte hinaus. Es ist nicht möglich, diese Methoden zu verbinden.

Der Präterismus

In den ersten 130 Jahren ihrer Existenz hielt sich die Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten eng an die historische Auslegung. Erst 1980 kamen neue Richtungen auf. Auf der Konferenz in Glacier View im Jahre 1983 wurden präteristische Gedanken formuliert. Nur wenige Geschwister erkannten damals, dass es auf dieser Konferenz hauptsächlich um die Frage ging, ob die Adventgemeinde die historische Auslegung beibehalten oder sich generell dem Präterismus zuwenden sollte.
Auf dieser Konferenz und auch in späteren offiziellen und inoffiziellen Aussagen wurde der Präterismus von der Gemeinde abgelehnt. Einer der vielen Gründe dafür war die Tatsache, dass er zu einer völlig anderen Auslegung der 2300 Tage aus Daniel 8,14 führt. Der Präterismus nimmt die 2300 Tage wörtlich und bezieht sie auf  Epiphanes, einen schwachen griechischen König, der im 2. Jahrhundert vor Christus in Syrien regierte (mehr dazu später).
Ein weiterer Grund, warum der Präterismus bei Adventisten wenig Anklang fand, sind seine unbiblischen Grundlagen. Er geht davon aus, das Buch Daniel enthalte keine Prophetie, sondern vergangene Geschichte, die aber in Form von Prophezeiungen niedergeschrieben wurde.
Der Verfasser sei auch nicht Daniel, sondern ein Unbekannter, der sich nur Daniel nannte. Er lebte nicht etwa 500 v. Chr. in Babylon, sondern um das Jahr 165 v. Chr. in Jerusalem. Die Ereignisse des Buches lägen demnach größtenteils bereits in der Vergangenheit.

Der Futurismus

Andere adventistische „Modernisierer“ wandten sich dem Futurismus zu. Sie legten die Erfüllung von Prophezeiungen, die wir bisher in der Vergangenheit gesehen hatten, in die Zukunft. In den 90er Jahren traf ich mich dreimal mit einer solchen Studiengruppe. Einer ihrer Vordenker sagte mir, er wolle mithilfe des Futurismus dem Präterismus begegnen, der in den 80er Jahren in die Gemeinde eingedrungen war.
Doch diese Gruppe wandte die Methodik des Futurismus willkürlich an. Die gängigen Auslegungen von Daniel 2, 7, 8 und 9 (die vier Reiche und die 70 Wochen) akzeptierten sie, aber die 1290 und 1335 Tage aus Daniel 12 verstanden sie als buchstäbliche Zeit in der Zukunft. Es ist aber inkonsequent, das Jahr-Tag-Prinzip nur auf ausgewählte Stellen anzuwenden. Sie hatten auch übersehen, dass der erste in Daniel 12 erwähnte Zeitabschnitt (Vers 7) die 3 1/2 Zeiten sind, die schon in Daniel 7,25 auftauchen. Wer in Daniel 7,25 das Jahr-Tag-Prinzip anwendet, sollte es darum auch in Daniel 12,7 tun – und dann konsequenterweise auch für die übrigen Zeitangaben in Daniel 12,11f. Ansonsten wäre die Interpretation rein subjektiv.
Auch die Auslegung der Offenbarung in dieser Gruppe war problematisch. Sie meinten, die 1260 Tage aus Offenbarung 12,6 seien nach dem Jahr-Tag-Prinzip symbolisch zu verstehen, aber die 3 1/2 Zeiten aus Vers 14 desselben Kapitels buchstäblich und als noch zukünftig. Dabei sind in beiden Versen nicht nur die Akteure identisch (die Frau als die Gemeinde und Satan als ihr Feind), sondern auch Ort (die Wüste als Zuflucht der Frau) und Handlung (Flucht vor Verfolgung). Darum sollte man es als dieselbe Prophezeiung mit derselben geschichtlichen Erfüllung betrachten. Eigentlich bilden die beiden Abschnitte den Rahmen um das zentrale Thema vom großen Kampf in Offenbarung 12,7-9.
Eins haben Futuristen für sich: Sie glauben an Prophetie. Hinter ihrem Ansatz steckt das Bemühen, Prophezeiungen und Jesu nahende Wiederkunft realer zu machen. Dieses Motiv ist löblich; doch der Futurismus führt nicht zu den erhofften Resultaten. Die Nebenwirkungen sind schlimmer als die Krankheit.
Präterismus und Futurismus werden von unserer Gemeinschaft zwar nicht akzeptiert, werden aber nach wie vor von einigen Adventisten beworben. Das wirft die Frage auf, welcher Auslegungsansatz für Endzeitprophetie zur Anwendung kommen sollte.

Welche Methode sollten wir anwenden?

Drei Auslegungsmethoden stehen zu unserer Auswahl. Den Idealismus lasse ich dabei bewusst aus. Er bestreitet jegliche historische Anwendbarkeit von Prophezeiungen und entnimmt ihnen lediglich geistliche Lehren. So ein Ansatz ist praktisch unbrauchbar. Er wird daher an dieser Stelle auch nicht weiter kommentiert. Wir werden also die ersten drei Methoden von unterschiedlichen Gesichtspunkten her gegeneinander abwägen.

1. Die Stellung zur Geschichte

Die Schreiber der Bibel waren zutiefst daran interessiert, wie sich Gottes Pläne und Absichten, sei es Segen, sei es Fluch, im Verlauf der Geschichte verwirklichen. Das Alte Testament enthält also eine ganz besondere Sicht der Dinge, von den Anfängen der Menschheit mit Adam und Eva bis in die Zeit Esras oder, grob gesagt, von 4000 bis 400 v. Chr. Immer wieder macht Gott durch die Prophetie klar, wie es aus seiner Sicht weitergehen soll.
Manchmal beachteten die Menschen die Ermahnungen der Propheten und manchmal nicht. Die traurigen Folgen des Letzteren zeigten sich im Fall des Nordreichs Israel 722 v. Chr. sowie des Südreichs Juda 586 v. Chr. Die prophetischen Stimmen wurden besonders eindringlich, nachdem Gott dem Volk einen eigenen König zugebilligt hatte. Propheten wurden zum Gegengewicht der abgefallenen Könige, die in nicht geringer Zahl den Thron bestiegen. Das Alte Testament ist also vor allem ein Geschichtsbuch der mächtigen Taten Gottes.
Im Neuen Testament nehmen fünf Geschichtsbücher (die Evangelien und die Apostelgeschichte) eine zentrale Stellung ein. In den ersten vier geht es um die Geschichte der Taten Jesu und im fünften um die Geschichte der Ausbreitung des frühen Christentums im Römischen Reich. Aber diese fünf Bücher behandeln nur einen Teil des 1. christlichen Jahrhunderts. Spricht denn Gott in der christlichen Ära nicht mehr so wie zur Zeit des Alten Testaments mit seinem Volk?
Der historische Ausleger kann hier antworten: Doch, Gott spricht zu uns noch genauso wie zu seinem Volk damals. Wir hören seine Stimme heutzutage in den Endzeitthemen von Matthäus 24 und 25, dem zweiten Thessalonicher-Brief und ganz besonders im Buch der Offenbarung.
So war es kein Zufall, dass von den Büchern des Neuen Testaments die Offenbarung zuletzt entstand. Johannes schrieb sie Ende des 1. Jahrhunderts, etwa im Jahr 96. Die Visionen der Offenbarung sind eine symbolische Darstellung der Geschichte des Christentums ab diesem Zeitpunkt. So wie die Ereignisse des Alten Testaments durch historische Bücher festgehalten sind, wird die christliche Ära nun durch prophetische Visionen abgebildet. So sieht es der historizistische Ausleger.
Wie sehen es die beiden anderen Schulen prophetischer Auslegung? Völlig anders. Die Vertreter des Präterismus leugnen jede echte Vorhersage in Daniel oder Offenbarung und sehen in der Prophetie nicht mehr als allgemeine geistliche Grundsätze und indirekte Lehren für das Christentum.
Sie bestreiten, dass es Prophezeiungen gibt, die sich über das gesamte christliche Zeitalter erstrecken oder direkt von einer bestimmten kirchengeschichtlichen Situation sprechen. Aber wovon handeln diese Bücher dann? Davon, dass die Juden die Verfolgung durch Antiochus Epiphanes standhaft ertragen hätten, dass die Christen unter Nero die Verfolgung standhaft ertragen hätten und dass genauso wir lernen könnten, jede Last und besonders Verfolgung standhaft zu ertragen. Einen unmittelbaren historischen Bezug innerhalb der letzten 1900 Jahre gäbe es aber nicht. Das Geschichtsverständnis der Präteristen ist ein ganz anderes als das, was wir im Alten Testament vorfinden.
Der Dispensationalist tut dasselbe, mit einer Ausnahme. Er presst praktisch die gesamte Prophetie (z. B. Offenb. 4 – 19) in die letzten sieben Jahre der Erdgeschichte. Gehen denn weder Daniel noch die Offenbarung irgendwie auf die christliche Geschichte ein? Nein, sagt der Dispensationalist, die Bibel verliert über dieses ganze Zeitalter kein Wort, bis jener Punkt erreicht wird, der jetzt noch Zukunft ist.
Historizisten glauben, dass Gott zu allen Zeiten der christlichen Ära durch Endzeitprophetie zu den Menschen gesprochen hat. Diese Erklärung ist am befriedigendsten und stimmt am besten mit der alttestamentlichen Sicht der Geschichte überein, auch wenn Präteristen und Dispensationalisten das leugnen.

2. Die Stellung zur Offenbarung

bibel

Aufgeschlagene Bibel

Auch in der Stellung zur Offenbarung weichen Historizismus und Futurismus deutlich vom Präterismus ab. Evangelikale und Adventisten, die mit dem Präterismus liebäugeln, erkennen vielleicht nicht ganz, dass der Präterismus auf völlig anderen Voraussetzung aufbaut. Für Vertreter des Präterismus sind die Prophezeiungen Daniels und der Offenbarung keine echten Vorhersagen der Zukunft, sondern Geschichte, die aber literarisch als Prophetie verpackt wurden. Der „Prophet“ gibt also historische Ereignisse als „Prophezeiung“ wieder, um seinem Bericht höhere Akzeptanz und Glaubwürdigkeit zu verleihen.
So sagen Präteristen, wie bereits erwähnt, das Buch Daniel sei nicht im 6. Jahrhundert v. Chr. von einem nach Babylon verschleppten Juden, sondern von einem Unbekannten geschrieben worden, der um das Jahr 165 v. Chr. in Jerusalem oder Umgebung lebte, also ungefähr zu der Zeit, als die Makkabäer das Joch des Antiochus Epiphanes abwarfen. Die einzige echte Prophezeiung sei Daniel 11,40-45. Hier habe der Prophet den Versuch einer Vorhersage gewagt, leider ohne Glück, weil sie unter Antiochus Epiphanes nicht in Erfüllung ging.
Konservative Präteristen, die Antiochus Epiphanes als zentrale Figur von Daniels Prophezeiungen ansehen, gehen auf diese Frage nur flüchtig ein. Es ist nicht die einzige Frage, die ihnen Probleme macht.
Würde Gott einem im 6. Jahrhundert v. Chr. in Babylon lebenden Daniel Visionen eingeben, die über das 2. Jahrhundert v. Chr. hinaus keinerlei Bedeutung haben? Würde Gott einem im 6. Jahrhundert v. Chr. in Babylon lebenden Daniel Visionen eingeben, die über das 2. Jahrhundert v. Chr. hinaus keinerlei Bedeutung haben? Würde Gott einen unbekannten Verfasser im Jahre 165 v. Chr. dazu bewegen, ein Geschichtsbuch als Pseudo-Prophetie darzustellen?
Gerade die letzte Frage ist peinlich. Da weist Gott den Schreiber an, Geschichte als Prophetie auszugeben, was an sich schon unredlich ist, und dann noch pseudonym, d. h. unter falschem Namen. Beachten wir: Es geht nicht um einen anonymen, sondern pseudonymen Verfasser, dem einzigen in der Bibel. Es gibt in der Bibel anonyme Bücher, aber von einem pseudonymen Verfasser ist nichts bekannt, auch nicht von einem, der behaupten würde, Daniel im 6. Jahrhundert zu sein.
Bei Genf in der Schweiz fanden einmal Gespräche zwischen Lutheranern und Adventisten statt. Beim letzten Gespräch, wo es insbesondere um das Thema Prophetie ging, war auch ich zugegen. Während ich das Buch Daniel historisch anwandte, formulierte der Lutheraner die gängige Sicht des Präterismus, alles drehe sich um Antiochus Epiphanes. Meine Ausarbeitung enthielt rund ein Dutzend Gegenargumente, auf die die andere Seite gelassen reagierte. Dann kam ich zu dem Punkt, dass die präteristische Interpretation einen pseudonymen Verfasser voraussetzt und es in der Bibel kein zweites derartiges Buch gibt. Plötzlich war es beim präteristischen Redner und dem Vorsitzenden der Gruppe vorbei mit der Gelassenheit – und die Diskussion über Daniel war beendet.
Futuristischen Auslegern geht es an diesem Punkt besser. Sie betrachten Daniels Prophezeiungen als echte Demonstration göttlichen Vorherwissens, die bis in die Zeit Roms reicht. Dann kommt aber lange Zeit nichts, bis die letzten sieben Jahre der Welt anbrechen. Dieses Prophetieverständnis ist sicher fraglich, aber zumindest anerkennen Futuristen, dass das Buch Daniel echte Zukunftsoffenbarung enthält.

3. Die Auslegungsmethode

Die historische Methode lässt sich am einfachsten begründen. Beim Lesen von Prophetie wird schnell erkennbar, dass es um Aufstieg und Niedergang irdischer Mächte geht, bei Daniel bis ans Ende der Zeit, wenn Gott sein Reich aufrichtet. Wenn Prophetie eine symbolische Darstellung geschichtlicher Mächte ist, führt das unweigerlich zum Historizismus, der Geschichte als Erfüllung von Prophetie versteht. Wie verhalten sich hier andere Auslegungsmethoden? Die Vertreter des Präterismus beginnen mit Daniel 11. Dieses Kapitel ist in ihren Augen eine detaillierte Prophezeiung über Antiochus Epiphanes. Daraus folgt, dass er auch in den Visionen von Daniel 9, 8 und 7 eine Rolle spielen muss. Die Interpretation von Daniel 11 wird also in die vorhergehenden Prophezeiungen hineingelesen. Bei Daniel 2 beschränken sich Präteristen auf allgemeine Aussagen über das Seleukidenreich ohne speziellen Bezug auf König Antiochus, da in dem Kapitel kein bestimmter König symbolisiert oder mit Namen erwähnt wird.
Eine ganz andere Vorgehensweise also. Historische Ausleger deuten zuerst die in Daniel 2 aufgeführten Reiche, gehen dann zu Kapitel 7, wo weitere Einzelheiten über diese Reiche mitgeteilt werden, dann zu Kapitel 8 und schließlich Kapitel 11. Das macht auch Sinn, denn die Prophezeiungen handeln zunächst nur von Reichen und später in der detaillierten Beschreibung von Daniel 11 auch um einzelne Könige.
Welcher Weg ist besser: bei den Grundlagen beginnen (Daniel 2) und sich schrittweise zu den Einzelheiten vorarbeiten (Daniel 11) oder umgekehrt? Es macht sicher mehr Sinn, sich vom Einfachen zum Komplexen zu bewegen. Wenn man die Reiche schon in Daniel 2 und 7 nicht bestimmen kann, dürfte die Identifizierung der einzelnen Könige in Kapitel 11 unmöglich sein. Von der Methodik her ist der historische Ansatz dem präteristischen weit überlegen.
Und wie steht es mit der futuristischen Methode? Futuristen oder Dispensationalisten sammeln die prophetischen Symbole an zwei Zeitpolen, die durch eine Kluft von 2000 Jahren getrennt sind. Diese Kluft liegt bezogen auf das Standbild aus Daniel 2 zwischen Unterschenkeln und Füßen bzw. zwischen Füßen und Zehen, je nachdem, wo man sie ansetzen will. Das Standbild hat aber keine abgetrennten Glieder, es ist eine Einheit. Daher sollte auch die reale Geschichte durchgängig verlaufen. Dasselbe gilt für Daniel 7, wo der Dispensationalismus zwischen dem vierten Tier und den zehn Hörnern, die aus seinem Haupt wachsen, ein Zeitloch von 2000 Jahren einschiebt. Aber die Hörner kommen unmittelbar aus dem Haupt, also sollte auch ihre Geschichte unmittelbar mit der des Hauptes zusammenhängen. Die Symbolik lässt keine Unterbrechung erkennen. Die Hörner schweben nicht frei über dem Haupt. Auch zwischen der 69. und 70. Woche aus Daniel 9 lassen sich keine 2000 Jahre einfügen, ohne aus 490 Jahren 2490 Jahre zu machen. Ein zeitliches Auseinanderreißen der Zeitweissagungen ist ganz unnatürlich und daher abzulehnen.
Erkennt man den roten Faden, der sich durch Daniels Prophezeiungen und die einzelnen Siegel und Posaunen in der Offenbarung zieht, ist die historische Deutung dieser Prophezeiungen nur logisch, sogar ohne ein Verständnis der jeweiligen symbolischen Details.

4. Prophetische Zeitangaben

Sind prophetische Zeitangaben in Daniel und Offenbarung symbolisch als ausgedehnte Geschichtsepochen oder wörtlich als stark begrenzte Zeitabschnitte zu verstehen? An diesem Punkt scheiden sich klar die Geister zwischen historischer und präteristischer / futuristischer Schule. Präteristen und Futuristen nehmen diese Zeiten wörtlich und ordnen sie in Vergangenheit bzw. Zukunft ein. Historizisten nehmen sie symbolisch, woraus sich lange geschichtliche Abschnitte ergeben, die sich aus der Gegenwart betrachtet sowohl über vergangene als auch zukünftige Zeiten erstrecken. Das ist ein klarer Unterschied. Die Frage ist, wer Recht hat.
Die Tatsache, dass prophetische Zeitangaben in Symbolik eingebettet sind, spricht für die Historizisten.
In Daniel 7 sehen wir einige symbolische Tiere, und dann verfolgt das kleine Horn aus dem vierten Tier für 3 1/2 Zeiten die Heiligen. Wenn die Tiere symbolisch aufzufassen sind, was sicher zutrifft, sollten Zeitangaben, die sich auf sie beziehen, auch symbolisch sein. Präteristen und Futuristen stimmen darin überein, dass die Tiere symbolisch zu verstehen sind, nehmen aber die zeitlichen Aussagen über sie wörtlich.
Präteristen und Futuristen stimmen darin überein, dass die Tiere symbolisch zu verstehen sind, nehmen aber die zeitlichen Aussagen über sie wörtlich.
Damit ignorieren sie den symbolischen Kontext.
Dass die Zeiten symbolisch gemeint sind, zeigen auch die symbolischen Zahlenwerte und Zeiteinheiten. Die „Abend- Morgen“ aus Daniel 8,14 bezeichnen zwar Tage, aber mit einer im Alten Testament unüblichen Zeiteinheit. Auch „2300“ ist eine ungewöhnliche Zeitangabe. Hätte Gott buchstäbliche Zeit gemeint, würde nicht eher „6 Jahre und 4 Monate“ dastehen? Der Kontext – symbolische Zahlen und Einheiten – weist darauf hin, dass die Zeitangaben symbolischer Natur sind.
Wie soll man sie dann interpretieren? Nach dem Prinzip: ein Tag für ein Jahr. Das geht bereits aus Daniel 9 hervor, wo von 70 „Wochen“ (hebr. schabua, Plural schabuim) die Rede ist. Um einem symbolischen Zeitverständnis auszuweichen, haben einige Übersetzungen statt Wochen „Siebener“ stehen. Das ist sprachlich nicht gerechtfertigt. „Sieben“ ist ein anderes hebräisches Wort (scheba). Das hebräische Wort schabua wird in der Bibel nirgends als „sieben“ übersetzt. Das Fest der Wochen, nicht das Fest der Siebener, erstreckte sich wegen der dazwischen liegenden sieben Wochen vom Passahfest bis Pfingsten. „Wochen“ ist die korrekte Bedeutung, und moderne Übersetzungen liegen falsch, wenn sie „Siebener“ wiedergeben. Die Revised Standard Version (RSV) fügt hier „Jahr-“ hinzu und übersetzt: „70 Jahrwochen“. Das ist aber ohne Grundlage im Grundtext. Der Punkt ist, dass es um symbolische Wochen geht, die die Anwendung des Jahr-Tag-Prinzips notwendig machen. Wäre das Wort wirklich „Siebener“, dann sollte man schabuim mit „Siebziger“ und nicht „Siebener“ wiedergeben.
Das Jahr-Tag-Prinzip lässt sich sogar aus dem Buch Daniel ableiten. In Kapitel 8 haben wir die „Abend-Morgen“, welche die Zeit der persischen, griechischen und nachfolgenden Könige umspannen. In Kapitel 11, das Kapitel 8 auslegt, agieren diese Könige in „Jahren“ (Verse 6.8.13). Damit sind die Symbole Widder und Ziegenbock aus Kapitel 8 die Könige aus Kapitel 11 und die „Abend-Morgen“ aus Kapitel 8 die „Jahre“ aus Kapitel 11.
Daniel 9 und 11 enthalten also das Jahr- Tag-Prinzip und untermauern damit seine Anwendung im Historizismus. Präterismus und Futurismus verwenden buchstäbliche Zeit, obwohl der Text ein symbolisches Zeitverständnis verlangt.

5. Der prophetische Horizont

Die Visionen in Daniel 2, 7, 8 und 11 beinhalten alle einen prophetischen Gesamthorizont, eine Art umfassenden Geschichtsabriss von der Zeit des Propheten bis in die Endzeit. Die ersten beiden Weissagungen zeigen vier Reiche, in Kapitel 2 durch Metalle und in Kapitel 7 durch Raubtiere dargestellt. Die Abfolge der vier Reiche ist: Babylon, Medo-Persien, Griechenland und Rom. Leider geht das präteristischen Auslegern, die an keine Vorhersage glauben, ein Reich zu weit. Sie würden gerne mit Antiochus Epiphanes und den Griechen schließen und nicht mit den Römern. Dazu strecken sie den ersten Teil der Handlung etwas und zählen: Babylon, Medien, Persien und Griechenland. Ihrer Ansicht nach zeigt die Symbolik Medien und Persien als zwei unabhängige Reiche.
Der Text spricht dagegen. In Daniel 5,28 wird Belsazar gesagt, dass sein Reich geteilt und den Medern und Persern gegeben werden soll, was darauf hinweist, dass diese Reiche gleichzeitig existierten und miteinander in Verbindung standen. Der historische Beweis dafür ist die Nabonid-Chronik, nach der ein medisches Heer auf Kyros’ Befehl hin Babylon kampflos eroberte, während Kyros selbst, der Perser, nahe der Stadt Opis am Tigris Nabonid besiegte.
Das Buch Daniel bringt denselben Gedanken zum Ausdruck, wenn es im Zusammenhang einer möglichen Befreiung Daniels aus der Löwengrube vom unaufhebbaren „Gesetz der Meder und Perser“ spricht (Daniel 6,12-15). Dasselbe wird in späteren Visionen durch die Zweifach- Symbole des Bärs in Kapitel 7 (eine Seite des Bärs war höher als die andere) und des Widders in Kapitel 8 (ein Horn war höher als das andere) ausgedrückt. In Kapitel 8,20 interpretiert Gabriel den Widder als Meder und Perser. Der biblische Befund erlaubt also keine Aufteilung dieser beiden Reiche. Selbst der heidnische Philosoph Porphyrios, der die präteristische Interpretation vor 1700 Jahren auf den Weg brachte, erkannte diese Schwierigkeit. Er wollte sie dadurch lösen, dass er die Reiche als Babylon, Medo-Persien, Griechenland I und Griechenland II auflistete. Heutige Präteristen müssen den vom Begründer ihrer Methode aufgestellten Geschichtsverlauf ebenso ablehnen wie die klaren textlichen Hinweise aus dem Buch Daniel.
Dispensationalistische Futuristen stehen an dieser Stelle vor einem anderen Problem: die 7er-Folgen der Siegel und Posaunen in der Offenbarung. Das sechste Siegel beschreibt offensichtlich die Wiederkunft Jesu, wo die Gottlosen zu den Felsen und Bergen rufen, auf sie zu fallen. Womit beginnen denn die sieben Siegel? Mit dem Reiter auf dem weißen Pferd, der auszieht, um zu siegen. Das passt am besten auf die Urgemeinde des 1. und 2. Jahrhunderts, die mit dem reinen Evangelium ausging, um die damals bekannte Welt für Christus zu gewinnen. Wenn das in die Zukunft verlegt wird, in die sieben letzten Jahre der Weltgeschichte, dann tut die letzte Gemeinde das gleiche wie die erste. Wenn nun die erste Gemeinde durch einen siegreichen Reiter auf einem weißen Pferd dargestellt wurde, sollten wir auch für die letzte Gemeinde einen siegreichen Reiter auf einem weißen Pferd erwarten können. Stattdessen lesen wir von Leuten, die von Felsen und Bergen begraben werden möchten.
Futuristen haben noch eine andere Schwierigkeit. In der fünften Posaune wird ein Zeitabschnitt von fünf Monaten genannt (Offenbarung 9,5.10). Da für apokalyptische Zeitangaben in Daniel und Offenbarung das Jahr-Tag-Prinzip gilt, umfassen diese fünf Monate eine Geschichte von 150 Jahren, was in sieben Jahren Endzeit natürlich nicht unterzubringen ist.
Ebenso wie die vier Reiche aus Daniel von der Zeit des Propheten bis ans Weltende reichen, sollten die sieben Siegel und sieben Posaunen so gedeutet werden, dass sie die christliche Ära von der Zeit Johannes’ bis zur Endzeit umfassen. Anhänger des Futurismus stehen also vor dem Problem, dass sie Daniels prophetischen Horizont zwar übernehmen, die 7er-Sequenzen der Offenbarung aber verkürzen. Der historische Ausleger nutzt das Beste von beiden Seiten und übernimmt sowohl Daniels Reiche als auch die Siegel und Posaunen aus der Offenbarung in vollem geschichtlichem Umfang.

6. Der eigentliche Mittelpunkt

Was steht bei den drei prophetischen Auslegungsmethoden jeweils im Mittelpunkt? Der Präterismus konzentriert sich im Buch Daniel auf Antiochus Epiphanes. Antiochus war ein König ohne große Bedeutung im 2. Jahrhundert v. Chr., der nur 11 Jahre regierte. Andere Herrscher seiner Zeit waren mächtiger.
Bei seinem zweiten Ägypten-Feldzug stellte sich ihm nicht die römische Armee entgegen, sondern ein römischer Botschafter. Als der Botschafter eine Linie in den Sand zog und Antiochus herausforderte, sie zu überqueren und sich dadurch den Zorn Roms zuzuziehen, überwältigte ihn große Angst. Er befahl seinen Truppen, den Rückweg nach Antiochien anzutreten, und kehrte nie mehr nach Ägypten zurück. Warum? Weil er die geballte Macht Roms scheute. Sein Vater Antiochus III. war Rom bereits in einer großen Schlacht unterlegen. Er verlor Teile seines Reiches und musste hohe Reparaturzahlungen leisten.
Seit langem wird auch darauf verwiesen, dass die Steigerung des Wortes „groß“ innerhalb von Daniel 8 nicht auf Antiochus passt. Persien sollte groß werden, Griechenland sehr groß und das kleine Horn so groß, dass es bis zum Himmel reicht und dort den Fürsten Gottes bedroht. Die logische Reihenfolge ist hier Persien – Griechenland – Rom; und nicht Persien – Griechenland – Antiochus Epiphanes. Auch passen die Zeitspannen aus Daniel 7 und 8 nicht zur Geschichte von Antiochus, weder die 1260 Tage (die 3 1/2 Zeiten) noch die 2300 Tage, ganz gleich, ob man sie als 2300 oder 1150 Tage auffasst (einige Ausleger teilen die 2300 Tage durch zwei mit dem Hinweis, dass im Tempel täglich – am „Abend“ und am „Morgen“ – zwei Opfer dargebracht wurden).
In Daniel 8,9 heißt es, das kleine Horn wird sehr groß nach Süden, nach Osten und nach dem herrlichen Land (Judäa). Antiochus hatte zwar Erfolge im Süden und Osten, aber Judäa gehörte bereits zu seinem Reich, als er den Thron bestieg. Mehr noch, Antiochus verlor dieses Gebiet, als er den Aufstand der Makkabäer provozierte. Alles in allem treffen die in Daniel 7 und 8 angeführten symbolischen Kennzeichen des kleinen Horns viel mehr auf Rom als auf Antiochus Epiphanes zu.
Was steht beim Dispensationalismus im Mittelpunkt? Wie bereits erwähnt, geht es fast ausschließlich um die letzten sieben Jahre unserer Erde. Entsprechend unwichtig ist die übrige Zeit der christlichen Ära. Dispensationalisten blenden die christliche Ära aus und reißen damit eine Lücke von 2000 Jahren in die Geschichte. Dispensationalisten blenden die christliche Ära aus und reißen damit eine Lücke von 2000 Jahren in die Geschichte. Gibt es gute Gründe dafür? Zuerst einmal wird der Beginn der Lücke zwischen der 69. und 70. Woche der Weissagung aus Daniel 9 eingefügt. Die 70 Wochen aus Daniel 9,24-27 sind nach Meinung der Dispensationalisten eine Weiterentwicklung der in Daniel 9,1f erwähnten 70 Jahre babylonischer Gefangenschaft. Geschichtlich haben diese 70 Jahre aber keine Unterbrechung, sonst hätte sich die babylonische Gefangenschaft ja über die 70 Jahre hinaus verlängert.
Genauso wenig lassen sich die 69. und 70. Woche zeitlich auseinander reißen, ohne dass aus 70 Wochen bzw. 490 Jahren plötzlich ein neuer, längerer Zeitraum wird. Das wäre keine Auslegung der 490 Jahre mehr, sondern der 490 + 2000 = 2490 Jahre. Davon spricht die Prophezeiung aber nicht.
Das wird auch deutlich, wenn man die Einzelzeiten addiert. In Daniel 9,25f ist von 7 + 62 + 1 = 70 Wochen die Rede, mehr lässt sich hier nicht einfügen. In der Geschichte von Josef folgen auf die 7 Jahre Überfluss gleich die 7 Jahre Hunger, prophetisch wie historisch, ohne Raum für einen Einschub. In Daniel 9,27 lesen wir, dass Schlacht- und Speisopfer in der Mitte der letzten Woche abgeschafft werden. Das geschah durch Jesus am Kreuz und wird nicht erst in den letzten sieben Jahren der Welt stattfinden. Nach Jesu Tod hatte der Opferdienst keine Bedeutung mehr und fand mit der Zerstörung des Jerusalemer Tempels 70 n. Chr. auch äußerlich ein Ende.
Die Fixierung der Präteristen auf Antiochus Epiphanes widerspricht den historischen Fakten seiner Zeit. Das Zeitloch der Dispensationalisten lässt sich aufgrund seiner schwachen exegetischen Basis nicht aufrechterhalten.
Historizisten hingegen stellen Gottes mächtige Taten von der Zeit der Propheten bis ans Ende der Weltgeschichte in den Mittelpunkt. Das ist gesunde biblische Ausrichtung und in Übereinstimmung mit den Gläubigen aller Zeiten.

7. Geschichte der Interpretation

Es ist interessant festzustellen, woher die alternativen Auslegungsmethoden eigentlich stammen. Der Präterismus begann im 3. Jahrhundert n. Chr. mit Porphyrios. Er war ein neoplatonischer Philosoph, der das Christentum bekämpfte. Er schrieb verschiedene Bücher gegen das Christentum, die sämtlich verloren gingen. Nur sein Angriff auf das Buch Daniel hat den frühen Vätern des Christentums offenbar zu schaffen gemacht. Ein Teil seines Schrifttums zu diesem Thema blieb indirekt durch Christen erhalten, die in ihren Schriften seine Argumente darlegten, um sie anschließend zu widerlegen. Auf diese Weise wissen wir, dass er als Erster die Meinung vertrat, das Buch Daniel sei ein Geschichtswerk, das sich selbst als Prophetie ausgebe, und seine zentrale Figur sei Antiochus Epiphanes.shutterstock_129977417
Dieser Gedanke und der spätere Futurismus waren der katholischen Gegenreformation sehr nützlich. Damals (etwa 1563-1600) gingen katholische Ausleger in zwei Richtungen, um den Angriff durch die Prophetieauslegung der Reformatoren abzuwehren. Der spanische Jesuit Alcazar entwickelte den Präterismus weiter, während die Kardinäle Bellarmine und Ribera den Futurismus entwickelten.
Der Protestantismus betrat derlei Pfade erst im 18. und 19. Jahrhundert. Ein englischer Deist namens Collins veröffentlichte 1737 einen Kommentar zum Buch Daniel, in dem er die präteristische Sicht aufgriff und Porphyrios als deren Urheber nannte. Der dispensationalistische Futurismus wurde in den 1820er Jahren von John Darby entwickelt und wird darum manchmal auch als Darbyismus bezeichnet. Der liberale akademische Protestantismus folgte Collins‘ Spuren und übernahm den Präterismus, während der konservative evangelikale Protestantismus großteils den Dispensationalismus akzeptierte, wie er besonders von der Scofield-Studienbibel und in Amerika vom Theologischen Seminar in Dallas gelehrt wird. In letzter Zeit haben auch Siebenten-Tags Adventisten diese Einflüsse zu spüren bekommen. Was die Gemeinschaft auf der Glacier View-Konferenz zu hören bekam, war im Wesentlichen Präterismus. Manche reagierten so stark dagegen, dass sie ins andere Extrem des Futurismus verfielen. Die Gemeinschaft hat auf dieser Konferenz durch ihre Repräsentanten den Präterismus abgelehnt.
Heute ist der Futurismus in der Adventgemeinde nur noch eine vereinzelte Randerscheinung. Ebenso wie beim Präterismus ist kein ansteigender Trend zu erkennen.
In ihren Veröffentlichungen steht unsere Gemeinschaft fest zur historischen Interpretation endzeitlicher Prophetie.
Von der Reformation an bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts war der Historizismus die Hauptmethode protestantischer Auslegung. Der oben schon erwähnte lutherische Theologe begann damals seine Ausführungen mit Luthers Sicht von Prophetie. Selbst ihm war klar, dass Luther Historizist war. Dann beschrieb er die gegenwärtige Sicht der Lutheraner, und das war für ihn der Präterismus. Der eklatante Mangel seiner Ausarbeitung lag darin, dass er kein Wort darüber verlor, wie es zu diesem Positionswechsel seiner Kirche kam.
Die umfangreichste Studie dazu findet sich in den vier Bänden von L. E. Froom, The Prophetic Faith of Our Fathers (Washington, D.C.: Review and Herald, 1946). In Band drei führt Froom in der ersten großen Tabelle 78 historische Ausleger an, vom kolonialistischen Amerika bis zur Revolution, also von 1600 bis 1825 (S. 44f.252). Für die Alte Welt nennt er 103 historische Ausleger von 1760 bis 1860 (S. 270f. 743f). Wer sind also die Erben der Reformation hinsichtlich prophetischer Auslegung? Offenbar passt dieser Schuh adventistischen historischen Auslegern am besten.

8. Zusammenfassung

Wir haben drei wichtige prophetische Auslegungsmethoden betrachtet und einander gegenübergestellt. Die historische Auslegung trägt dem biblischen Geschichtsverständnis am besten Rechnung. Der Präterismus gibt sich kurzsichtig und der Dispensationalismus erblindet auf weiten Strecken der christlichen Geschichte. Historizisten und Futuristen haben eine höhere Meinung von Offenbarung und Inspiration als die präteristische Schule. Ebenso ist es sicher vernünftiger, das Buch Daniel vom Anfang bis zum Ende zu studieren statt vom Ende bis zum Anfang, wie Präteristen es tun. Auch der präteristische Versuch, die vier Weltreiche aus ihrer natürlichen Abfolge (Babylon, Medo-Persien, Griechenland, Rom) zu reißen, stößt auf Schwierigkeiten. Futuristen wiederum kämpfen damit, die 7er-Ketten der Siegel und Posaunen in die letzte Zeit einzupassen. Der Zeitrahmen dieser Weissagungen führt automatisch zum prophetischen Horizont der Historizisten, die in diesen Reichen und Siebenfach- Mustern die gesamte Zeitspanne vom Propheten bis zum Weltende sehen.
Ein wesentlicher Unterschied zwischen den drei Methoden besteht in ihrem Umgang mit prophetischen Zeitangaben. Im Präterismus und Futurismus wird Zeit ausschließlich buchstäblich auf einzelne Schlüsselereignisse angewandt, während der historische Ausleger chronologische Elemente als Symbol für lange Geschichtsperioden versteht. Daniel 9 und 11 enthalten Hinweise, dass Zeitangaben symbolisch gedeutet werden sollten.
Was das Hauptaugenmerk der Auslegungsansätze angeht, so ist Antiochus Epiphanes, wenn man seine Regierungszeit mit der prophetischen Schilderung vergleicht, als das kleine Horn aus Daniel unhaltbar. Ebenso wenig lässt sich legitim behaupten, die Prophezeiung aus Daniel 9 oder irgendeine andere Weissagung aus Daniel oder Offenbarung seien zeitlich unterbrochen. Allein die historische Auslegung widmet den diversen prophetischen Zeitperioden und ihrer Erfüllung innerhalb der gesamten christlichen Ära die gebührende und unvoreingenommene Aufmerksamkeit. Die Ahnentafel der historischen Methode weist die nobelsten Namen auf. Am Anfang des Präterismus steht ein heidnischer Philosoph, der das Christentum angriff. Seine Ansichten wurden später von einem Zweig der Gegenreformation aufgenommen und schließlich durch einen englischen Deisten im modernen Protestantismus populär. Der dispensationalistische Futurismus fand erst im frühen 19. Jahrhundert ins kirchliche Denken Eingang. Der Historizismus dagegen ist, seit mit der protestantischen Reformation das Interesse an Prophetie wieder aufgelebt ist, die vorherrschende Auslegungsmethode. Die nachreformatorischen Ausleger sind dieser Linie bis Mitte des 19. Jahrhunderts treu geblieben.
Wer sind also die Erben der Reformation? Siebenten-tags-adventistische historische Ausleger sind bis in die Gegenwart die Erben der historischen Auslegung der letzten vier Jahrhunderte. Der Grund für die weite Verbreitung dieses Auslegungsansatzes liegt in seinen biblischen Wurzeln. Heute, da das Kommen unseres Herrn so nahe ist, sollten wir auf niemanden hören, der uns davon abbringen will.

 

William Shea, „Historizismus – die beste prophetische Auslegungsmethode“, Standpunkte (Ausg. 8, 2006), S. 7-17

Über den Autor

William Shea

Assoziierter Direktor des Bible Research Institute (Bibl. Forschungsinstitut der STA) im Ruhestand.