amazing discoveries, 15.03.2019

Gab es ein Leben vor dem Internet? Ja, in der Tat, auch wenn viele junge Leute sich das nicht vorstellen können. In diesem Monat feiert das Web seinen 30. Geburtstag. Es war im März 1989, als Tim Berners-Lee am europäischen Kernforschungs-Institut CERN mit einem Papier den Grundstein für das World Wide Web legte, dessen berühmte www-Abkürzung noch heute viele Webadressen schmückt. Damals ging es um die Verbesserung des wissenschaftlichen Informationsaustausches, und die ersten Webserver liefen im akademischen Umfeld. 1993 erschien mit Mosaic der erste populäre, grafikfähige Browser, 1994 entstand das World Wide Web-Konsortium „W3C“ mit Berners-Lee als Direktor. Zu der Zeit existierten bereits über 10 000 Webserver, darunter 2 000 kommerzielle.

Heute ist mit über 3 Milliarden Teilnehmern wörtlich die halbe Welt online und kann etwa 200 Millionen aktive Webseiten aufrufen. In einem offenen Brief hält Berners-Lee Rückschau und anerkennt die großartigen Errungenschaften des Internets, bringt aber auch Sorge über den Missbrauch durch Betrüger, Hassverbreiter und Straftäter zum Ausdruck. „Der Kampf für das Web gehört zu den wichtigsten Aufgaben unserer Zeit“, resümiert Berners-Lee und fordert Regierungen, Unternehmen und Bürger auf, die Zukunft des Netzes gemeinsam auf eine bessere Grundlage zu stellen. Mit seiner neuen Plattform „Solid“, die dem Nutzer die Kontrolle über seine eigenen Daten zurückgeben soll, leistet er dazu selbst einen wichtigen Beitrag.

Die Europäische Union hat indes ihre eigenen Vorstellungen davon, wie Ordnung und Kultur im Internet sicherzustellen sind, und erregt mit neuen Gesetzesvorstößen gewaltigen Widerstand in der Webgemeinschaft. Anlass ist eine europäische Urheberrechtsreform, um Rechteinhaber im digitalen Umfeld besser zu schützen. Der Entwurf hat eine lange Entstehungsgeschichte mit mehreren Revisionen hinter sich und ist für Ende März zur endgültigen Abstimmung im EU-Parlament vorgesehen.

Doch auch in der jetzigen Form ist er für weite Teile quer durch die Gesellschaft inakzeptabel. Eine Petition mit dem dramatischen Titel „Stoppt die Zensurmaschine! Rettet das Internet!“ hat bereits 5 Millionen Unterschriften. YouTube hat mit #SaveYourInternet eine eigene Initiative auf die Beine gestellt. Wikipedia will aus Protest am 21. März eine ganzen Tag lang ihre Enzyklopädie komplett abschalten. Und für den 23. März sind europaweite Demonstrationen geplant.

Kritisiert werden Artikel 11, wonach selbst kleine Textschnipsel wie bei Googles Suchergebnissen vergütet werden müssten, vor allem aber Artikel 13, der weltweite Lizenzvereinbarungen mit allen Rechteinhabern verlangt oder Sicherungsmaßnahmen, die faktisch auf automatische Upload-Filter hinauslaufen würden (Letztere wurden im Koalitionsvertrag der deutschen Regierung noch abgelehnt). Experten halten die geforderten Maßnahmen für illusorisch bzw. extrem teuer und fehleranfällig.

Die Niederlande, Luxemburg, Polen, Italien und Finnland lehnten die Regelung als Rückschritt ab und ließen verlauten:

Die Direktive findet nicht die richtige Balance zwischen dem Schutz der Rechteinhaber und den Interessen der EU-Bürger und -Unternehmen … Wir meinen zudem, dass der Direktive Klarheit fehlt, bei vielen betroffenen Interessenvertretern zu Rechtsunsicherheit führen wird und die Rechte von EU-Bürgern verletzen könnte.

Auf der Webseite „Foren gegen Upload-Filter“ haben sich rund 370 Foren mit über 15 Millionen Mitgliedern zusammengeschlossen. Sie bemängeln „massive Rechtsunsicherheit und unkalkulierbare Risiken“ durch die neue Richtlinie und kommen zu dem Schluss:

Wir befürchten, dass viele Forenbetreiber ihre Communities schließen werden und es so zu einer massiven Einschränkung der Diskussionskultur im europäischen Internet kommen wird.

Manche EU-Vertreter scheint das wenig zu beeindrucken. So versuchten die konservativen Parteien sogar, den angekündigten Demonstrationen zuvorzukommen und die Abstimmung im Parlament kurzfristig vorzuziehen, was in Deutschland einen Sturm der Entrüstung entfachte und den Hashtag #NieWiederCDU bei Twitter auf Platz 1 katapultierte.

Doch die EU hat schon den nächsten Affront geplant, wie der bekannte Rechtsanwalt und Medienexperte Christian Solmecke erklärt: ein „Terrorfilter“, von dem auch Kommentare, Blogs und Foren betroffen sein sollen. Solmeckes wenig schmeichelhaftes Urteil: „Die nächste Schnapsidee“.

Vertreten unsere Volksvertreter wirklich das Volk? Jesus beschrieb die gesellschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit einmal mit den Worten:

Lk 22,25 Die Könige der Nationen herrschen über sie, und die Gewalt über sie üben, lassen sich Wohltäter nennen.

Die Versuchung, über die Köpfe derer hinweg zu regieren, zu deren Wohlergehen man sein Amt erhalten hat, ist auch in einer modernen Demokratie ganz real. Daher sollten wir das Wort von Paulus umsetzen:

1Tim 2,1 Insbesondere bitte ich euch nun, vor Gott einzutreten für alle Menschen in Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung, 2 für die Könige und alle Amtsträger, damit wir ein ruhiges und gelassenes Leben führen können …

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