Sprache ist der Spiegel einer Gesellschaft. Durch die Sprache wird die Gesellschaft aber auch geformt. Wandelt sich die Gesellschaft – und das passiert ständig, denn die Gesellschaft ist in stetigem Wandel – verändert sich die Sprache. Die Metamorphose einer Sprache wiederum wirkt auf die Entwicklung einer Gesellschaft zurück.

Deutschland-, europa- und weltweit ist Sprache augenblicklich stärksten Veränderungen unterworfen. Dies nicht so sehr durch einen Prozess, in dem Sprache sich allmählich verändernden gesellschaftlichen Gegebenheiten anpasst, sondern vielmehr durch bewussten und direkten Eingriff von institutioneller Seite in die Sprache.

So hat beispielsweise das Zentralkomitee der Deutschen Katholiken (ZdK) am 22.04.2021 beschlossen, künftig in seinen Äußerungen „geschlechtersensible bzw. -gerechte Sprache“ zu verwenden. Die ZdK-Vollversammlung stimmte dem Antrag „Geschlechtervielfalt in Wort und Schrift“ und damit auch der künftigen Verwendung des „Gender-Sternchens“ in der Kommunikation zu. Zudem werde „angeregt, auch im mündlichen Sprachgebrauch eine inklusive Formulierung, durch eine Pause an der Stelle des Sternchens, auszudrücken. […] Nach einer teilweise kontroversen Diskussion stimmten 86 der Mitglieder des ZdK für den Antrag, 54 dagegen.“ 

Während bei gleicher Gelegenheit auch ein Appell gegen weibliche Genitalverstümmelung beschlossen wurde, wurde dem weiteren Voranschreiten der Verstümmelung der deutschen Sprache kein Einhalt geboten. „Die Bezeichnung des Gender-Sterns als ,Vergewaltigung der Sprache’ […] wurde in der Diskussion mit Blick auf die darin […] enthaltene Bagatellisierung sexualisierter Gewalt deutlich zurückgewiesen.“

Dabei erinnert diese auch als „Gendersprache“ oder „Gendersprech“ bezeichnete brachiale Veränderung der Sprache an den „Neusprech“, einem Begriff aus dem 1946 bis 1948 geschriebenen Roman „1984“ von George Orwell, in dem in meisterhafter Vorausschau die Dystopie eines totalitären Überwachungsstaates in der Zukunft dargestellt wird. Orwell schildert darin auch, wie die Sprache benutzt wird, um eine Veränderung im Denken der Menschen zu erreichen.

Ein stehender Begriff für die bewusste Neuschöpfung von Worten, um eine Ideologie zu transportieren, war zu DDR-Zeiten der Begriff „Jahresendflügelfigur“ anstelle des klassischen Weihnachtsengels. Einen Gott durfte es gemäß der kommunistischen Führung nicht geben; gleich ihm wurde versucht, auch die Engelschar aus dem Bewusstsein der Menschen zu drängen.

Obwohl die Verballhornung der deutschen Sprache oft lächerlich wirkt, zeigen verschiedene Beispiele aus der globalisierten und damit kleingewordenen Welt, zu welchen ernstzunehmenden Auswüchsen dieser weltweite Trend führen kann. Laut Stern ging an der Australian National University in Canberra „ein Vorschlag in Form eines Handbuchs für die Lehrenden aus akademischen Zirkeln ein. Es enthält neue Formulierungen für tradierte Bezeichnungen. So sollen nicht länger ausschließlich die Worte ,Mutter’ und ,Vater’ verwendet, sondern durch geschlechtsneutrale Begriffe erweitert werden. Die Mutter soll demzufolge als ,Austragendes Elternteil’ bezeichnet werden, der Vater als ,Nicht-gebärendes Elternteil’. […] Das Wort ,breastfeeding’ soll durch ,chestfeeding’ ersetzt werden. Auch ,Muttermilch’ soll nicht länger so heißen, sondern durch ,Menschliche Milch’ oder ,Elternmilch’ abgelöst werden. Mit diesen Neuerungen sollen Eltern der LGBTIQ+-Community nicht länger benachteiligt werden.“ Für einen ebensolchen Sprachgebrauch entschieden sich die Universitätskliniken in Brighton und Sussex in England.

Im vergangenen Jahr hatte die Entscheidung der Katholischen Studierenden Jugend (KSJ) für Kontroversen gesorgt, das Wort „Gott“ mit Sternchen zu schreiben, um „das katholische Gottes*bild zu entstauben und über den Verband hinaus eine Diskussion anzustoßen“. Der spirituelle Auftrag, den Ignatius von Loyola dem Jesuitenorden und somit auch der KSJ mitgegeben habe, verlange, „Gott* vorurteilsfrei wahrzunehmen, schließlich ist Gott* keinem Geschlecht oder anderen menschlichen Kategorien zuzuordnen.“ 

„Wortsalat im Garten Eden“ titelte folgerichtig der Spiegel schon im Jahr 2006, als er „Die Bibel in gerechter Sprache“ präsentierte, in der der von Jüngern und Jüngerinnen umgebene Jesus frauenfreundlich das „Vater- und Mutterunser“ betet. Kübel von Spott und Hohn wurden über die „Bibel in gerechter Sprache“ ausgegossen, die auch als „Bibel in selbstgerechter Sprache“ bezeichnet wird.

Denn nicht alle hecheln dem sprachlichen Zeitgeist bedingungslos hinterher. „Die öffentliche Sprache als Medium der Selbstverständigung in einem Gemeinwesen“ unterliege Regeln, „die ihrerseits politisch legitimiert sein müssen“, kommentiert Daniel Deckers in der FAZ am 26.04.2021. Maßstäbe seien „Verständlichkeit, Vorlesbarkeit, Übersetzbarkeit, Eindeutigkeit und Rechtssicherheit. Wer diese inklusive Funktion von Sprache, gesichert durch das amtliche Regelwerk der deutschen Sprache, im Namen einer höheren Moral aufs Spiel“ setze, der handele in hohem Maß exkludierend. Es würden „akustische und schriftliche Hürden errichtet, die es nicht nur Schülern, Migranten und allen Menschen mit geringer Bildung noch schwerer machen, sich zu verständigen. An diesem Punkt wird aus Moral Unmoral.“ Dies widerspräche dem hohen Anspruch eklatant, eine „gendersensible, genderinklusive oder inklusive“ Sprache zu sein. 

Noch höher stellt sich der Anspruch der Bibel dar. „Eure Rede sei allezeit freundlich und mit Salz gewürzt, dass ihr wisst, wie ihr einem jedem antworten sollt.“ (Kolosser 4,6) „Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.“ (Matthäus 5,37) Worte, die die Wahrheit verdrehen und negieren, stehen diesem hohen Anspruch an wahre und gute Rede entgegen.

stph

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