September 2016, fulcrum7.com, Gerry Wagoner

Das Sekretariat der Generalkonferenz der Siebenten-Tags-Adventisten hat am 25. September 2016 zwei Dokumente über Kirchenleitung und Einheit veröffentlicht, die auf der Jahressitzung im Oktober von den Führern der Kirche erörtert werden sollen. Es handelt sich um folgende Dokumente:

„Auf der diesjährigen Herbstsitzung wollen wir diskutieren, wie wir mit Abweichungen von der bestehenden Ordnung am besten umgehen“, sagte GK-Exekutivsekretär G. T. Ng am Freitag in einer E-Mail an Mitglieder des GK-Exekutivausschusses, dem Kirchenführer aus aller Welt angehören und der vom 5. – 12. Oktober 2016 in Silver Spring (Maryland) seine jährliche Sitzung abhalten wird. „Bitte lest diese Schriftstücke unter Gebet, da sie Diskussionsgrundlage sein werden.“

Richtungweisend für das Dokument ist folgende Aussage:

Wir sind vereint durch:

  • Hingabe an Christus
  • Gemeinsame biblische Glaubensüberzeugungen
  • Gemeinsame Leidenschaft für Weltmission
  • Gemeinsames wöchentliches Studium des Bibelstudienheftes zur Sabbatschule
  • Gegenseitige Verbundenheit in einer weltweiten Organisationsstruktur
  • Gegenseitige Zustimmung zu bestimmten Praktiken und Regeln

Weitere Kerninhalte des Statement-Dokumentes sind:

Zusammenfassend können wir aus dem Jerusalemer Konzil lernen, dass unterschiedliche Praktiken in der Gemeinde erlaubt sein können, allerdings nur, wenn zuvor eine repräsentative Versammlung einer Variation zugestimmt hat. Ein wichtiges neutestamentliches Prinzip zeigt sich sowohl bei dieser Begebenheit als auch in der Situation mit den Witwen und Diakonen: Entscheidungsprozesse, deren Konsequenzen über einen Ort oder eine Region hinausgehen können, sollten kollektiv ablaufen, nicht unilateral [einseitig]. (Seite 5)

Keine organisatorische Einheit hat das Recht, unilateral wichtige Fragen zu entscheiden oder von Entscheidungen abzuweichen, die auf einer höheren Organisationsebene mit größerer Autorität getroffen worden sind. Die Anerkennung als Vereinigung, Mission oder Verband beinhaltet Entscheidungsbefugnis in einem bestimmten Gebiet und das Recht auf Repräsentation auf höherer Ebene der Gemeindestruktur; beides steht jedoch unter der Bedingung der „Einhaltung kirchlicher Praktiken und Regelungen“ und „kann von der genehmigenden Organisationsebene überprüft, revidiert, ergänzt oder widerrufen werden“ (Working Policy der Generalkonferenz, B 05, Abs. 3). Zwar hat jeder Verband und jede Vereinigung ihre eigene Wählerschaft und Verfassung, doch steht in dem ineinandergreifenden adventistischen System der Kirchenordnung die Verantwortung, sich an die Vorgehensweisen und Regeln der Weltgemeinde zu halten, über allen anderen Überlegungen. (S. 7)

Gemeinsames statt einseitigem Vorgehen

In Anlehnung an das Vorbild in der Apostelgeschichte ist es seit Langem adventistische Praxis, der Vielfalt möglichst breiten Raum zu geben, die Billigung der Vielfalt in bedeutsamen Fragen aber der Entscheidung der Weltgemeinde vorzubehalten. Haben Delegierte aus aller Welt sich einmal versammelt und nach bestem Wissen und Gewissen gemeinsam diskutiert und eine Entscheidung getroffen, so ist diese Entscheidung zu respektieren. Einseitiges Vorgehen auf Verbands- oder Vereinigungsebene schwächt „die weltweite Identität, Harmonie und Einheit der Gemeinde“.

Entscheidungen auf Weltkirchenebene sind für alle Organisationsebenen verbindlich. In der adventistischen Kirchenordnung ist die Versammlung der Generalkonferenz schon immer die höchste Autorität in der Gemeinde gewesen. Mit dieser Vorgehensweise folgen Siebenten-Tags-Adventisten dem biblischen Modell in der Apostelgeschichte, aber auch dem Rat von Ellen G. White, die sich über beinahe 40 Jahre sehr deutlich und einheitlich zur Autorität der Generalkonferenz geäußert hat. (S. 8)

Einseitiges Vorgehen in wichtigen Fragen widerspricht dem biblischen Vorbild und langjähriger adventistischer Praxis. Das latente Spaltpotenzial des Unilateralismus steht im Gegensatz zum biblischen Modell. (S. 10)

Unilaterale Entscheidungen waren eine besondere Sorge Ellen G. Whites, und sie hat viele Jahre lang konsequent davor gewarnt. Ihre wiederholten Zeugnisse lassen erkennen, dass übertrieben unabhängiges, einseitiges Handeln eine besondere Gefahr für die Endzeitmission der Gemeinde der Übrigen darstellt.

Darüber hinaus macht Ellen White deutlich, dass der Grund für Unilateralismus nicht unbedingt bloß unabhängiges Denken ist, sondern mitunter auch der Einfluss böser Mächte, und dass dadurch Schaden entstehen wird. Unter den zahlreichen Zeugnissen diesbezüglich stechen zwei heraus. 1888 macht sie darauf aufmerksam, dass es in den „letzten Tagen unter den Übrigen“ Personen geben wird, „die unabhängig vom Leib vorgehen möchten und nicht bereit sind, sich dem Leib der Gemeinde zu unterstellen“. Dann warnt sie: „Es ist eine vom Feind eingegebene Illusion zu meinen, man könne sich vom Gemeindeleib lösen …, und trotzdem zu glauben, man tue das Werk Gottes. Wir sind ein Leib, und jedes Glied muss mit dem Körper verbunden sein“. (S. 11)

Ungültige Ordinationen

Die Kriterien für Ordination sind immer von der Weltgemeinde festgelegt worden. Die GK-Sitzung 1990 hat sich ausführlich damit beschäftigt, ob die Ordination Predigerinnen erlaubt werden sollte, und klar Stellung bezogen: „Wir billigen die Ordination von Frauen zum Predigtdienst nicht.“ 1995 sowie 2015 wurden Anträge in die GK-Sitzung eingebracht, auf Divisions- oder Verbandsebene regionale Abweichungen von der Geschlechtsbeschränkung zuzulassen, doch beide wurden abgelehnt. Es ist nicht korrekt zu behaupten, unsere kirchlichen Regeln enthielten keine Hindernisse für einen Verband, Frauen zum Predigtdienst zu ordinieren. Solche Ordinationen sind von einer GK-Sitzung ausdrücklich untersagt worden; zwei weitere GK-Sitzungen haben die Entscheidung bestätigt. (S. 12)

Ein zweiter Grundsatz ist, dass nach adventistischer Kirchenlehre und -praxis eine Ordination ohne Frage lebenslang gültig ist, außer es treten sehr außergewöhnliche Umstände ein. Die Beglaubigung als Prediger muss nicht lebenslang gelten. Eine Beglaubigung kann enden, wenn ein Prediger ein neues Arbeitsfeld beginnt, das mit pastoralem oder geistlichem Dienst nichts zu tun hat. Seine Ordination ist davon jedoch nicht betroffen. Ändert sich das Arbeitsgebiet später wieder, kann die Beglaubigung als Prediger erneuert werden. Die von einem Prediger verrichtete Arbeit kann also vorübergehend sein, aber eine Ordination ist von Dauer. Sie kann nur durch disziplinarische Maßnahmen ungültig werden. Wäre es den Dienststellen überlassen, den Status eines Predigers zu ändern, bestünde die Gefahr des Machtmissbrauches; stattdessen kann dies nur aufgrund von Abfall oder moralischen Verfehlungen geschehen. In allen anderen Umständen gilt eine Ordination lebenslang und kann nicht nach persönlichem Belieben aufgegeben werden …

Prediger mit Eignung für eine Beglaubigung sollen sie auch erhalten – nicht irgendeine andere Beglaubigung oder Lizenz. Die GK-Working Policy schließt alle anderen Optionen aus. In den Augen mancher Geschwister sind Beglaubigungen vielleicht nur eine Form. Trotzdem betreffen alle Abweichungen von der GK-Working Policy die Gemeinde der Siebenten-Tags-Adventisten als Ganzes …

Ein anderes Prinzip ist Gegenseitigkeit. Wenn man sich an einem Entscheidungsprozess beteiligt hat und alle Parteien in Treu und Glauben diskutiert und überlegt haben, muss die finale Entscheidung von allen akzeptiert werden, die zu ihrer Entstehung beigetragen haben. Würde jeder ihm missliebige Entscheidungen ignorieren, wäre der gesamte Entscheidungsprozess sinnlos. Wenn wir an einem Prozess teilnehmen und ihn in dem Moment missachten, wo er sich anders als von uns erwünscht entwickelt, handeln wir entgegen den biblischen Grundsätzen von Einheit und gegenseitiger Unterordnung. (S. 13)

Zwei Gedanken sind mir nach der Lektüre dieser zwei Dokumente gekommen:

  • Dies ist ein dringend notwendiges Korrektiv für Verbände und Vereinigungen, die trotz einer dreifachen Willensbekundung der Weltgemeinde in formaler Sitzung (1990, 1995, 2015) mit ihrer Agenda voranpreschen.
  • Diese Stellungnahme der Generalkonferenz beantwortet eine Frage, die weltweit immer wieder zu hören ist: „Kümmert sich unsere Leitung eigentlich um diese rebellischen Ordinationsaktionen in der Nordamerikanischen Division (NAD) und in Europa?“ Die Antwort lautet: „Das tut sie.“

Möge Gott unsere Gemeinde mit einem schon lange überfälligen Ruf zur Verantwortlichkeit und mit einer neuen Entschlossenheit zur Zusammenarbeit segnen. Unter Gottes Segen werden wir entdecken, dass Disziplin für Einheit nicht nur nötig, sondern absolut essenziell ist. Und sie ist ein notwendiges Element auf dem Weg zu geistlicher Reife.

 

Dieser Artikel hat 2 Kommentare

  1. Hugo Tobler Antworten

    Nur gemeinsames Vorgehen in Wahrheit macht Sinn. Warum lassen sich so viele Brüder und Schwestern vom Mainstream leiten? Könnte es am fehlen persönlichen Bibelstudiums liegen? In der ganzen Bibel kann man nichts finden, was den Zeitgeist auch nur im etnferntesten unterstützt. Ich freue mich, das unter Ted Wilsen endlich Bewegung in unsere Gemeinde kommt. Gott segne die GK und ihre Bemühungen. Komm Herr Jesus, komm bald! Amen!

  2. Johannes Scheel Antworten

    Die Freikirche steht vor einem wichtigen Scheidepunkt. Die Beschlussvorlagen gehen weit über einen Versuch hinaus, in der Frage der Ordination von Pastorinnen eine weltweit einheitliche Linie zu bewahren und den diesbezüglichen GK-Beschluss von 2015 durchzusetzen. Die Gelegenheit wird genutzt, auch ausgewählte Glaubensfragen, nämlich Überzeugungen zum Schöpfungsglauben in 6 buchstäblichen Tagen und Umgang mit dem Thema Homosexualität zu überprüfen und eine einheitliche Linie durchzusetzen.

    Die zu gründenden Ausschüsse sollen die Unionen in ihrer Nichtübereinstimmung überprüfen und Abweichungen bearbeiten bzw. Sanktionen vorbereiten. Damit werden in Zukunft nicht mehr die Vorstände der GK und Divisionen von den Delegierten in ihrer Arbeit überprüft und zur Rechenschaft gezogen, sondern die Leitung hebt sich an, die unteren Ebenen nicht nur in Fragen organisatorischer Handhabungen, sondern auch in Glaubens- und Gewissensfragen zu kontrollieren. Es ist ausdrücklich vorgesehen, abweichendes Verhalten zu melden. Hier entsteht eine letzte Trennung eines Klerus von der Basis der Gemeinde. In Zukunft wird nicht mehr aus Vertrauen und Freiwilligkeit gesetzt, sondern auf Misstrauen, Kontrolle, Denunziation und Bestrafung. Wer sollte da noch offen seine Meinung sagen? Sollte dieser Antrag Beschlossen werden trennt sich die Adventgemeinde einer Leitungsstruktur, die auf der reformatorischen Gleichheit aller Gläubigen geruht und nimmt das katholische Einheitsverständnis und ihre bewähren Methoden zur Erhaltung der Einheit an. Der Klerus wird unanfechtbar von der Basis der Laien getrennt und alle Beschränkungen ihrer Machtausübung aufgehoben – Fatal!
    Ein folgenschwerer Paradigmenwechsel, die Einheit wird nicht mehr durch freiwillige Entscheidung von freien Menschen, die im Geist eins sind und in Solidarität miteinander verbunden sind, sonder es wird eine künstliche Einheitlichkeit mit Mitteln der Macht, Sanktionen und öffentlichen Bestrafungen versucht zu erzwingen.
    Menschen, die unter Diktaturen gelebt haben erkennen darin ein bekanntes Mittel. Wer hätte gedacht, dass die eigene Freikirche einmal zu solchen Mitteln greifen würde, weil es ihr nicht gelingt, wie die Urgemeinde, den höheren Wert über der Einheitlichkeit zu erkennen und einen Weg zu finden in unterschiedlicher Handlungsweise die Einheit zu bewahren, die uns in Jesus Christus und nicht in der working policy oder ausformulierten 28 Artikeln geschenkt ist.

    Viele Beten darum, dass dieser Beschluss der Spaltung unserer Freikirche eine klare Absage erfährt und der Macht der Gemeindebasis, der Freiwilligkeit und das Vertrauen als Grundlage unserer Arbeit gestärkt wird.

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