28. März 2016, adventistreview.org. Von Isaac Ndwaniye, dem Vorsteher der Ostzentral-Vereinigung Ruandas, wie er es Gina Wahlen, Redakteurin der Missionsberichte, vom Büro für adventistische Mission berichtet hat.

Wenn die Menschen schlecht über die Mörder des Völkermords in Ruanda reden, erinnere ich sie daran, wie geduldig Gott ist.

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Isaac Ndwaniye, Vorsteher der Ostzentral-Vereinigung Ruandas, verlor im Völkermord von 1994 seine gesamte Familie. (Foto: Gina Wahlen)

Die Mörder kamen an einem Sabbat – persönlich aufs Gelände geführt vom Vorsteher der Mission und dessen Sohn, der als Oberarzt am adventistischen Mugonero-Krankenhaus arbeitete.

Während des Völkermords in Ruanda, der am 7. April 1994 seinen Anfang nahm, waren viele Menschen auf das adventistische Gelände in Südruanda geflohen. In der Meinung, dort sicher zu sein, scharten sich Prediger mit ihren Familien sowie andere Gemeindeglieder auf dem Grundstück und besonders in der Kapelle.

Ich arbeitete als Leiter der Verlagsabteilung für Südruanda. Das Büro, die Kapelle, die Schule sowie die Wohnungen der Mitarbeiter und das Mugonero-Krankenhaus befanden sich alle auf dem besagten Grundstück in der Region Kibuye in Ruanda.

Einen Tag, bevor das gegenseitige Morden in Ruanda begann, nahm ich im Büro der Ruanda-Mission in der Landeshauptstadt Kigali an Verlagssitzungen teil. Am selben Abend wurde der Präsident Ruandas mit seinem Flugzeug abgeschossen, und der Völkermord begann. Am nächsten Tag rief mich ein Mitarbeiter des Mugonero-Krankenhauses an und teilte mir mit, dass mein 14-jähriger Sohn Paul ermordet worden und meine Frau mit unseren übrigen Kindern schutzsuchend auf das adventistische Gelände geflohen war.

Am Sabbat, dem 16. April, betraten die Mörder mithilfe des Missionsvorstehers und seines Sohnes das Gelände. Wie war das möglich? Mein Vater, der Prediger war, hatte in meiner Kindheit mit diesem Missionsvorsteher zusammengearbeitet. Auch ich hatte mit ihm zusammengearbeitet und konnte nicht verstehen, was nun in seinem Herzen vor sich ging.

Noch trauriger war, dass die Prediger, die in der Kapelle zusammen mit meiner Frau und meinen acht übrigen Kindern festsaßen, einen Brief an den Missionsvorsteher verfasst hatten mit der Botschaft: „Wir wissen, dass sie uns töten werden. Bitte hilf uns, mit einem Boot über den See in den Kongo zu flüchten!“

Dieser Brief wurde von einem Soldaten, der sie in der Kapelle bewachte, in das nahegelegene Haus des Missionsvorstehers gebracht. Seine Antwort lautete, dass nicht einmal Gott ihnen jetzt noch helfen könne.

Aus dem ganzen Land trafen Menschen auf dem adventistischen Gelände ein, um die Adventisten zu töten. Einige der Mörder waren selbst Adventisten. Sie kamen mit Granaten, Macheten, Messern und allen möglichen Gegenständen, mit denen man Menschen töten kann.

Als die Mörder die Kapelle betraten, war gerade ein Pastor am Predigen. Der erste Schuss galt ihm. Dann wurden weitere Menschen getötet. Meine Frau und Kinder rannten zum Haus des Missionsvorstehers und baten um Hilfe, doch er schickte sie weg. Andere versuchten, in das Krankenhaus zu flüchten, und wurden mit Macheten empfangen. Das Morden auf dem Gelände hielt noch tagelang an. Tag und Nacht suchten die Mörder nach Entkommenen. Sie setzten sogar Hunde ein, um das Buschland zu durchsuchen.

Als der Völkermord im Juli ein Ende fand, hatte ich meine gesamte Familie verloren: Meine Frau und neun Kinder, meine Eltern, drei Schwestern, einen Bruder und einen Schwager.

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Das Mugonero-Krankenhaus auf dem Grundstück, wo 1994 die Adventisten ihr Leben verloren (Foto: Gina Wahlen)

Gottesdienst für Binnenflüchtlinge

Der Ausbruch des Völkermordes machte mir eine Heimkehr unmöglich. Eine Gruppe Soldaten brachte mich von Kigali aus in ein Lager für Binnenflüchtlinge in einer nördlichen Provinz des Landes.

In diesem Lager war ich der einzige Pastor, und so blieb mir keine Zeit für traurige Gedanken. Ich entdeckte, dass man schlechte Erfahrungen im Leben leichter vergisst, wenn man damit beschäftigt ist, Gutes zu tun. Dadurch stärkte Gott mich.

Eines Freitagabends war ich in der Stadt unterwegs, nicht weit vom Lager entfernt. Dort fand ich eine verlassene römisch-katholische Kirche. Ich bat um Erlaubnis, in dieser Kirche zu beten und Gottesdienste zu halten, und erhielt sie auch. Im Lager lud ich dann die Menschen zum Sabbat-Gottesdienst ein.

So versammelten wir uns jeden Sabbat. Wir waren heimatlos, doch wer etwas Geld besaß, gab treu Zehnten und Gaben, als hätte er noch ein Zuhause. Einige Male kamen Menschen aus Uganda und gaben uns Geld; auch davon gaben wir Zehnten und Gaben. Den Zehnten bewahrten wir sicher auf, bis die Gemeinde in Ruanda wieder ihre Arbeit aufnehmen könnte; die Gaben wurden zur Versorgung der Kriegsverwundeten eingesetzt.

Viele Menschen aus anderen Glaubensrichtungen kamen jeden Sabbat zum adventistischen Gottesdienst. Als wir vier Monate später das Lager verlassen konnten, waren 300 Menschen bereit zur Taufe.

Im Juli, gegen Ende des Völkermords, reiste ich nach Kigali und musste feststellen, dass im ganzen Land keine Adventgemeinde mehr aktiv war. Also ging ich durch die Stadt und bat die Menschen, doch zur Gemeinde zurückzukehren. Nach und nach kamen die Menschen zu ihren Gemeinden zurück, und ich wurde gebeten, zwei Jahre lang als Vorsteher für ganz Ruanda zu dienen. Später wurde ich in die Verlagsabteilung des ruandischen Verbandes berufen.

Fünf Jahre später erhielt ich eine Einladung, die wohl die größte Herausforderung meines Lebens darstellte: Wäre ich bereit, als Leiter ausgerechnet das Gebiet zu betreuen, in dem sich das Mugonero-Grundstück befand, wo meine Familie ermordet worden war?

Ich betete darüber und beschloss, die Einladung anzunehmen. Es war meine erste Rückkehr, um unter den Menschen, die meine Familie getötet hatten, zu arbeiten. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, wenn ich als Einziger dorthin zurückgehen würde, daher betete ich: „Gott, hilf mir und gib mir die Kraft und die richtigen Worte für diese Menschen!“

Ich erinnere mich, wie ich kurz nach meiner Rückkehr eine ganze Nacht im Gebet verbrachte und Gott bat, mir deutlich den Weg zu zeigen. Am nächsten Morgen wusste ich, dass ich alle zu einem Treffen einladen musste. Ich wusste, dass sich die Menschen dort immer von mir bedroht fühlen würden, wenn ich nicht gleich von Anfang an offen mit ihnen reden würde. Ich musste ihnen mein Herz öffnen.

Und so berief ich für den ersten Sabbat nach meiner Rückkehr ein großes Bezirkstreffen ein.

Der ruandische Verband „hat mich hierher geschickt, um die Gute Botschaft zu verkündigen und diese Vereinigung zu leiten“, sagte ich. „Ich möchte von niemandem erfahren, wer meine Familie getötet hat. Und niemand braucht zu mir zu kommen und zu sagen, er sei mein Freund. Mein Freund ist, wer Gott und sein Werk liebt. Lasst uns in diesem Geist zusammenarbeiten.“

Drei Jahre verbrachte ich dort, bis ich nach Kigali zurückgerufen wurde, um als Vorsteher der heutigen ostzentralen Vereinigung Ruandas zu dienen. Wir loben den Herrn, dass unsere Vereinigung seit dem Jahr 2004 von 65.000 Gliedern auf heute [2016] über 110.000 gewachsen ist. Von den 12 Millionen Einwohnern Ruandas sind rund 640.000 Glieder der Adventgemeinde. Zurzeit geben wir Bibelunterricht zur Vorbereitung einer Taufe von 100.000 Menschen nach Evangelisationen Ende Mai.

Liebe und Vergebung

Mein Lieblingsvers in der Bibel ist Johannes 3,16:

„Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verlorengeht, sondern ewiges Leben hat.“

Hätte Gott nicht jeden Menschen auf der Welt geliebt, wäre ich ausgezogen, um die Mörder zu töten. Doch Gott liebt sie und schenkt ihnen Zeit zur Buße.

Der Missionsvorsteher und sein Sohn wurden verhört und kamen wegen Verbrechen gegen die Menschheit und Völkermordes ins Gefängnis. Der Vater ist inzwischen verstorben, sein Sohn bleibt weiterhin in Haft.

Als ich mich während des Völkermordes noch im Lager befand, kam einmal ein Journalist und interviewte mich. Er hatte erfahren, dass ich meine ganze Familie verloren hatte, und fragte mich: „Wie denken Sie über Rache?“

Ich schlug meine Bibel in Hebräer 10,30.31 auf:

„Denn wir kennen ja den, der sagt: ‚Die Rache ist mein; ich will vergelten!, spricht der Herr‘, und weiter: ‚Der Herr wird sein Volk richten‘. Es ist schrecklich, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen!“

„Es ist furchterregend, wenn der Herr kommt und dich stellt!“, sagte ich.

Der Journalist war erstaunt. Er dachte, ich würde zur Rache auffordern, doch ich hatte eine biblische Antwort.

Wenn die Menschen schlecht über die Mörder reden, erinnere ich sie gerne daran, wie geduldig Gott mit uns ist. Er ist langmütig gegenüber allen und möchte nicht, dass irgendjemand verloren geht. Das ist das einzige, was jemandem wie mir durch solche Umstände hindurchhelfen kann. Jedes Mal, wenn ein Mensch zu Gott kommt und um Vergebung bittet, gewährt Gott Vergebung. Es gibt keine Sünde, die Gott nicht vergeben kann! Und der Tod stellt für Gott keine Bedrohung dar; er ist für ihn kein Problem.

Was mir bis heute Kraft schenkt, ist das Wissen, dass meine Familie mit den Predigern und anderen Familien in der Adventkapelle ihre letzten Tage mit Bibelstudium verbracht hat. Sie haben Gott um Vergebung ihrer Sünden und auch sich untereinander um Verzeihung gebeten. Das gibt mir Kraft weiterzuleben, denn ich habe die Gewissheit, sie eines Tages wiederzusehen. Ich weiß, dass sie schlafen und einmal auferstehen werden. Das ist der Grund, dass ich für Gott lebe!

Quelle:
„Forgiving the Killers of My Wife and 9 Children“
28. März 2016 – adventistreview.org – Isaac Ndwaniye

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