2017, 500 Jahre nach Luthers Thesenanschlag, war der 31. Oktober erstmals bundesweiter Feiertag. Das soll er nach dem Willen der Ministerpräsidenten von Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein auch weiterhin bleiben. Sie empfahlen auf der jüngsten „Konferenz Norddeutschland“ ihren jeweiligen Landesparlamenten, den Reformationstag ab 2018 zum gesetzlichen Feiertag zu machen.

Kirchliche Kreise begrüßen den Vorstoß. „Der Reformationstag ist das älteste historische Jubiläum, das wir in der Menschheitsgeschichte kennen“, erklärt der evangelische Kirchengeschichtler Thomas Kaufmann in einem Interview mit der Hannoverschen Allgemeinen. Deutliche Kritik dagegen äußern Vertreter der Jüdischen Gemeinden: Der Reformationstag sei untrennbar mit Luther verbunden, und dieser sei eben „auch ein Judenhasser“ gewesen. So sehen es auch viele andere hierzulande. 2016 hatte eine Pastorin der Luther-Statue vor der Marktkirche in Hannover die Augen verbunden, aus Protest gegen „die Blindheit des Reformators und der Kirche gegenüber dem Judentum“.

Prof. Thomas Kaufmann
(CC-BY_SA, Laehnemann, wikimedia.org)

Als ausgewiesener Lutherkenner weiß Kaufmann sehr wohl um diesen problematischen Aspekt im Leben des Reformators. Doch fordert er eine differenzierte Betrachtung: Luthers Haltung zum Judentum sei „außerordentlich ambivalent und vielschichtig“ und zudem keinesfalls rassistisch motiviert gewesen. Seinen drastischen Äußerungen gegen Lebensende stünden Aufrufe zur friedlichen Toleranz des jüdischen Glaubens in früheren Jahren gegenüber. Selbst manche jüdische Kreise hätten Luther bis ins 19. Jahrhundert hinein vor allem als „Freiheitshelden“ betrachtet. Erst im Dritten Reich seien bestimmte Passagen aus Luthers Werken herausgelöst und ohne Rücksicht auf die historischen und theologischen Zusammenhänge politisch missbraucht worden.

Christoph Morgner
(CC-BY_SA, Paul Peplow,
wikimedia.org)

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt Pfarrer Christoph Morgner, ehemaliger Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes. Sein Beitrag im evangelischen Magazin idea Spektrum trägt den Titel „Es gibt keine direkte Linie von Luther zu Auschwitz“. In einem gesellschaftlichen Umfeld, wo Judenfeindschaft als normal galt, setzte sich Luther von Anfang an für Toleranz ein. Die Verbrennung anstößiger jüdischer Bücher lehnte er mit der Begründung ab, „die Gotteslästerungen in der Christenheit“ seien „100-fach schlimmer“. 1523 veröffentlichte er die für seine Zeiten revolutionäre Schrift Dass Jesus ein geborener Jude sei, die sich gegen Judenghettos, Berufsverbote und für einen respektvollen Umgang zwischen Christen und Juden aussprach.

Luther war überzeugt, dass zumindest ein Überrest der Juden zum Glauben an Christus finden würde, wenn die Christen ihnen freundlich und gewinnend begegneten. Bis ins Jahr 1542 – vier Jahre vor seinem Tod – sei diese wertschätzende Linie erkennbar, so Pfarrer Morgner. Andererseits zog der Reformator klare theologische Grenzen zur rabbinischen Auslegung des Alten Testamentes.

Ab 1543 dann erschienen zwei Streitschriften, in denen Luthers wohlwollende Gesinnung gegenüber den Juden ins ganze Gegenteil umschlug. Auslöser war offensichtlich eine heute verschollene, antichristliche Schmähschrift aus jüdischer Feder, die Maria als „Hure“ und „Dreckshaufen“ bezeichnete und Jesus eine „Missgeburt“ nannte. Es scheint, dass Luther nun alle Hoffnung für die Juden verlor. Nach wie vor befürwortete er keine Tötung, wohl aber ihre radikale Bekämpfung und Vertreibung. Man könne nicht länger dulden, wie Juden „den rechten Glauben lästern und fluchen“. Ähnlich positionierten sich berühmte Zeitgenossen wie sein katholischer Gegner Johann Eck und der Humanist Erasmus von Rotterdam.

Johannes Eck & Erasmus von Rotterdam

Andererseits schien Luther gegen Ende seines Lebens zu schwanken. 1544 schrieb er: „Es gibt immer einige Juden, die gerettet werden.“ Auch seine letzten Predigten in Eisleben enthielten diesen hoffnungsvollen Ton. So kommt der Theologe Hans-Martin Barth zu dem Schluss, Luther sei „keineswegs von blindem Hass auf die Juden und alles Jüdische erfüllt“ gewesen, sondern von der Sorge um die jungen evangelischen Gemeinden und sein reformatorisches Lebenswerk.

Ob der Reformationstag Feiertag wird oder nicht, entscheidet die Politik. Doch wie können Christen mit den Licht- und Schattenseiten Luthers umgehen? Die Bibel lehrt uns erstens einen ehrlichen Umgang mit der Realität, mahnt aber, dass allein Gott einmal jeden richten wird, weil nur Er alle Umstände beurteilen kann. Zweitens sollen Christen nicht auf Menschen schauen, sondern auf Gott. Dass Gott die Reformatoren trotz mancher gravierender Fehler gebrauchte, zeigt, dass die Reformation nicht Menschen-, sondern Gottes Werk war. Und das soll der Reformationstag eigentlich bewusst machen.

Dieser Artikel hat 1 Kommentare

  1. Bogdan Olma Antworten

    Danke für diesen Artikel. Es war interessant zu lesen, welche Hintergründe Martin Luther für seine kritische
    Äußerungen gegenüber Juden haben könnte…

  2. PeBi Antworten

    Endlich gibt es auch im deutschsprachigen Raum Artikel, die die unsägliche Luther Hetze kritisch beleuchten, welche das sog. „Reformationsjubiläum“ seit Jahren begleitet.

    Seit Jahren wird unaufhörlich die Lüge wiederholt, Martin Luther sei „Judenhasser“ gewesen.

    Teil dieser Anti-Luther Kampagne ist das gezielte Verschweigen der rabbinisch bzw. jüdischen Schriften, welche aus reinem Hass gegen Christen im allgemeinen und die Person Jesus Christus im besonderen bestehen.
    Darauf reagierte Luther.

    In dem Zusammenhang kann Prof. Dr. Peter Schäfer (Princeton, Leiter des jüdischen Museums Berlin) für seine ehrliche Arbeit zu den Aussagen des Talmuds über Jesus nicht genug gedankt werden.

    https://www.youtube.com/watch?v=h0WRFqBbZ-g

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