In Zeiten, in denen immer häufiger von „Fake News“ und korrigierenden „Faktenchecks“ die Rede ist, die zuweilen gar als „postfaktisch“ bezeichnet werden und in denen die eigentlich etablierten großen Medien zunehmend an Glaubwürdigkeit in der Bevölkerung einbüßen, stellt sich immer mehr Menschen die Frage „Was glauben – wem vertrauen?“.

Die Zeiten jedenfalls, in denen jeden Abend um acht Uhr der Fernseher eingeschaltet wurde und man sich durch die Tagesschau umfassend informiert sah, scheinen lange vorbei zu sein. Die allgemein akzeptierte Deutungshoheit der großen Leitmedien bröckelt und es bilden sich mehr als wir das aus den letzten Jahrzehnten gewohnt sind, regelrechte Meinungslager zu tagespolitischen Themen. Der Mensch ist aufgefordert (und er war es im Grunde schon immer), sich eigenständig und eigenmotiviert die „Glaubenssätze seines Weltbildes“ – auch weit über die Tagespolitik hinaus – zusammenzusuchen. 

Auch zur Zeit von Jesus waren die Menschen aufgefordert, sich ein Bild und eine Meinung zu den relevanten Themen ihrer Zeit zu machen. Die Mechanismen, die in solchen Prozessen der kollektiven und individuellen Meinungsbildung greifen, haben sich seither nicht geändert: „Glaubt auch einer von den Obersten oder Pharisäern an ihn?“ (Joh.7,45ff). Mit dieser empörten rhetorischen Frage wiesen eben jene Obersten und Pharisäer die mit leeren Händen zurückgekehrten Knechte zurecht, die sie zuvor ausgeschickt hatten, Jesus zu ergreifen. Auf die Frage, warum sie die Anordnung nicht ausgeführt hätten, hatten die Knechte geantwortet „Nie hat ein Mensch geredet wie dieser Mensch!“.

Die Antwort der Pharisäer ist nichts anderes als ein Verweis auf ihre elitäre Deutungshoheit und eine Empörung über die Frechheit der Knechte, sich über diese Deutungshoheit hinwegzusetzen. „Aber der Pöbel, der das Gesetz nicht kennt, der ist unter dem Fluch!“ fügen sie sogar noch deutlicher hinzu. Ganz klar wird hier eine Einteilung vorgenommen in die eine Gruppe, die die Meinung vorgibt und die andere Gruppe, die diese Meinung anzunehmen und nicht zu hinterfragen hat.

Es fällt zudem auf, dass die Auftraggeber auf den Grund der Knechte, Jesus nicht ergriffen zu haben, inhaltlich mit keinem Wort Bezug nehmen, ja, noch nicht einmal nachfragen. Statt auf eine sachliche Auseinandersetzung setzen sie lieber auf autoritäres Gebaren und fordern Vertrauen in ihr Urteil ohne inhaltlich hinterfragt werden zu wollen.

In auffallendem Kontrast dazu geht Jesus bei den sog. Emmaus-Jüngern vor (Lk.24:13ff). Diese beiden Männer, die gehofft hatten, Jesus sei der, welcher Israel erlösen würde und die über seinen Tod maßlos enttäuscht waren, hätten Jesus vermutlich alles geglaubt, wenn sie gewusst hätten, mit wem sie da reden. Doch „ihre Augen wurden gehalten, so dass sie ihn nicht erkannten“.Jesus hörte sich ihre Sorgen und Enttäuschung an und „legte ihnen in allen Schriften aus, was sich auf ihn bezieht“.

Jesus geht hier also den exakt umgekehrten Weg: Er verzichtet auf die Wirkung seiner Autorität, durch die er die beiden ebenfalls hätte glauben machen können, dass er tatsächlich der erhoffte Messias ist. Stattdessen begegnet er ihnen zunächst sachlich und erklärt ihnen auf inhaltlicher Ebene, warum sein messianischer Anspruch legitim ist. Erst danach gibt er sich ihnen zu erkennen.

In der obigen Begebenheit der Pharisäer und Knechte aus Johannes 7 schaltet sich sodann Nikodemus ein, ein Pharisäer, und erinnert seine Amtskollegen an ihr eigenes Gesetz, das zu brechen sie im Begriff sind, indem sie Jesus ohne Anhörung festsetzen wollen: „Richtet unser Gesetz einen Menschen, es sei denn, man habe ihn zuvor selbst gehört und erkannt, was er tut?“ Sie antworten: „Bist du etwa auch aus Galiläa? Forsche nach und sieh: Kein Prophet ist aus Galiläa hervorgegangen!“.

Zunächst wird wieder eine spöttische rhetorische Frage gestellt, die Nikodemus einer Dissidentengruppe – den Galiläern – zurechnen soll. Allein der Hinweis auf geltendes Recht reicht aus, den Hinweisgeber in eine politisch/ideologisch unliebsame Ecke zu schieben, ihm gewissermaßen mit dieser Etikettierung zu drohen und ihn damit einzuschüchtern. Gleicherweise hatten die Obersten Pharisäer auch an die Knechte die Frage gerichtet: Seid auch ihr verführt worden? (Joh.7,47). 

Nun hatten die Knechte zu dieser Frage immerhin noch Anlass gegeben, weil sie sich von Jesus‘ Auftreten und Reden beeindruck gezeigt hatten. Nikodemus hingegen hat Jesus überhaupt nicht erwähnt. Er hat lediglich auf ihr eigenes Gesetz hingewiesen, an das sie sich doch zu halten hätten. Auf den geplanten Gesetzesbruch, auf den Nikodemus tadelnd hinweist, gehen die Pharisäer in ihrer Antwort dann auch nicht ein – wohlweißlich, denn sie hätten zu ihrer Verteidigung nichts zu sagen. Stattdessen tun sie nach der ideologischen Etikettierung so, als hätte Nikodemus gesagt „Aber Jesus ist ein Prophet!“. Gegen diese Aussage können sie wenigstens etwas vorbringen, nicht aber gegen seinen tatsächlichen Vorwurf des vorsätzlichen Gesetzesbruchs.

Stellt man sich die Frage nach Kriterien zur Meinungsbildung, so hilft oft ein Blick auf die Art und Weise, auf welche Meinungen kolportiert werden und wie mit Meinungsgegnern oder „Fragestellern“ umgegangen wird. Verfolgt man öffentlich geführt Debatten, trifft man häufig auf die obigen Verhaltens- und Diskussionsmuster.

Nicht selten verbirgt sich hinter einem allzu autoritären Aufplustern und hinter Verunglimpfungen des Meinungsgegners schlicht ein faktisches Vakuum. Fallen in einer Debatte etwa Floskeln wie „kein seriöser Wissenschaftler“ (hat ernsthafte Zweifel an der Evolutionstheorie z.B.) womit lediglich die Seriosität und damit die Glaubwürdigkeit eines Meinungsträgers in Misskredit gebracht werden soll, darf man hellhörig werden. Denn eine solche Herabwürdigung appelliert an die Autoritätshörigkeit, anstatt inhaltlich zu argumentieren.

Ebenso ist es vielsagend, wenn Menschen mit einer kritischen, also der herrschenden Meinung widersprechenden Haltung in die Nähe von verschrienen Gruppierungen gerückt werden, etwa mit Aussagen wie „Applaus kam auch von rechts“. Hiermit wird in erster Linie eine Verknüpfung zu einem ‚verbotenen‘ ideologischen Bereich erstellt. Leser/Zuhörer werden gewarnt „Achtung – hier beginnt der verbotene Bereich“ und es fällt schwer, den so diskreditierten Gedanken noch weiter zu verfolgen. Ist der Blick einmal geschärft für solche Rhetorik, begegnet man ihr im Alltag sehr häufig. Das ist kein abschließender Garant für die Richtigkeit oder Falschheit einer so flankierten Aussage oder Meinung. Es ist jedoch sehr hilfreich, die eigenen psychischen Abläufe zu ergründen, etwa, warum es leichter fällt, die eine Meinung zu akzeptieren und eine andere abzulehnen, um ggf. aktiv gegensteuern zu können.

Für solche also, die in jedweder Thematik in erster Linie an Wahrheitsfindung interessiert sind, ist es heute wie zu Jesus‘ Zeiten essentiell, sich vor gruppenbedingten Meinungsdiktaten zu schützen, indem man nicht aufhört, (sich) die entscheidenden inhaltlichen Fragen zu stellen und auf Antworten zu bestehen.

Der Geist muss geschult werden, wo nötig, der ideologischen Verunglimpfung standzuhalten, sich in Sachfragen nicht allein von Autoritäten beeindrucken zu lassen und solange zu fragen und zu forschen, bis zu einer sachlich überzeugenden Ansicht gelangt werden kann.

Dieser Artikel hat 2 Kommentare

  1. Joachim Spornhauer Antworten

    Danke, das war sehr nötig einmal bewusst gemacht zu werden, wie Meinung und Angst usw. gebildet und beeinflusst werden. Wir haben heute Meinungsmache und Gesundheitsdiktatur in einer noch vor ein paar Jahren undenkbaren Form und das wird sicher nicht weniger werden.
    Sollte Einstein doch Recht haben, wenn er meint, dass 90 % der Deutschen „dumm“ sind?

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