„Darf man am Sabbat heilen?“ wurde Jesus von Pharisäern an einem Sabbat gefragt (Mt.12.9). Nach seiner umfassenden Antwort und anschließenden Heilung eines kranken Mannes, „gingen die Pharisäer hinaus und hielten Rat gegen ihn, wie sie ihn umbringen könnten“ (V.14).

Bereits kurz zuvor hatte das Verhalten der Jünger, die beim Spazieren durch ein Kornfeld Ähren abgestreift und gegessen hatten, Anlass zu Unmutsäußerungen der Pharisäer gegeben, die sagten, solches zu tun sei am Sabbat nicht erlaubt. Schon hier hatte Jesus sie eines Besseren belehrt und das Verhalten seiner Jünger verteidigt.

Bis hierher könnten die Auseinandersetzungen zwischen den Pharisäern und Jesus als theologische Diskussionen aufgefasst werden: Die Pharisäer haben eine falsche Auffassung von der Heilighaltung des Sabbats, deswegen muss das Verhalten von Jesus für sie wie eine Missachtung Gottes aussehen und sie empören sich darüber.

Doch kurz darauf heilt Jesus einen Besessenen: „Da wurde ein Besessener zu ihm gebracht, der blind und stumm war, und er heilte ihn, so dass der Blinde und Stumme sowohl redete als auch sah“ (Mt.12.22). Und auch nach dieser Heilung werfen die Pharisäer Jesus Gottesfeindschaft vor.

Diese Argumentation ist nicht mehr nachzuvollziehen: Ihre erste Anklage, die vermeintliche Sabbatentheiligung, hätte man noch verstehen können. Denn wer der Meinung ist, das Abstreifen und Essen von Ähren sowie das Heilen eines Kranken sei ein Verstoß gegen das Sabbatgebot, der muss glauben, Jesus wende sich mit diesen Handlungen gegen Gott bzw. dessen Gesetz. Die zweite Anklage hingegen fußt auf einer Tat, in der sich Jesus eindeutig gegen den Machteinfluss Satans wendet, wie er es in seiner Antwort auf den Vorwurf der Pharisäer auch sagt: „Kein Haus, das mit sich selbst uneins ist, kann bestehen“ und „Wenn ich durch den Obersten der Dämonen austreibe, durch wen treiben eure Söhne aus?“ (V.25, 27). Doch auch diese Handlung wird Jesus als ein Handeln gegen Gott im Auftrage Satans ausgelegt.

Es wird offensichtlich, dass es den Pharisäern nicht um eine vorurteilsfreie Bewertung von Jesus‘ Taten geht und sie nicht wirklich an korrektem Schriftverständnis interessiert sind. Denn dann hätten sie bei der Dämonenaustreibung verstummen müssen. Denn hiermit hat Jesus seine Loyalität zu und Autorisierung von Gott bewiesen und dennoch nehmen die Pharisäer diese Tat zum Anlass, ihn dem Hause Satans zuzurechnen.

Ihr Handeln offenbart ihre wahre Intention, die die Bibel bereits bei ihrer an Jesus gerichteten Frage nach Heilungen am Sabbat offengelegt hatte: Dass sie nämlich einen Grund suchen, „damit sie ihn verklagen könnten“ (V.10).

Warum aber wollen sie ihn verklagen?

Als Schriftkundige waren die Pharisäer geachtete Führungsautoritäten in einem Volk, dessen gesamte gesellschaftliche Struktur und Lebensweise von den Lehren der heiligen Schriften geprägt waren. Die Hierarchie und damit ihre eigene Machtlegitimation steht auf dem Fundament des gesellschaftlichen Konsenses darüber, dass Gott die höchste Autorität ist und sein Wille, in den heiligen Schriften offenbart, den Maßstab für alle Fragen des Lebens darstellt. Deswegen, weil sie die Schriften besser kennen als das Volk, kommen ihnen ihre hohe Stellung, Macht und Autorität zu.

Mit Jesus war nun ein Mann in Erscheinung getreten, in dessen Theologie und deren Auslebung sie eine Bedrohung für ihren Macht- und Einflussbereich sahen. Denn sein Auftreten und seine Predigten standen oftmals in scharfem Kontrast zur ihrer Lehre und korrigierte diese, hin zu der ursprünglichen Bedeutung der Schrift.

Wie aber konnten sie gegen ihn vorgehen?

Sie wollen einen Mann Gottes beseitigen, ohne dabei den Anschein von Frömmigkeit und Integrität zu verlieren. Die wirkungsvollste Anklage in einem gottesfürchtigen Volk ist die der Gottesfeindschaft. Damit wird der Gegner nicht nur moralisch diskreditiert, er wird auch vom persönlichen Feind zum Systemfeind, was politisches, gegen ihn gerichtetes Handeln, legitimieren würde. Deswegen versuchen sie, ihn mit der Heilung am Sabbat in eine Falle zu locken und deswegen müssen sie seine offenkundige Gewalt über Dämonen mit einer anderen, als der Autorität Gottes, begründen.

Ungeachtet der geistlichen Dimension der Auseinandersetzung zwischen der Führungselite und Jesus, hatten diese Geschehnisse eben auch eine ganz profane politische Ebene. Diese Ebene wird noch deutlicher, als sie Pilatus, der Jesus für unschuldig hält und freilassen will, unter Druck setzen, indem sie ihre Argumentation ändern und sagen: „Wenn du diesen freilässt, so bist du kein Freund des Kaisers; denn wer sich selbst zum König macht, der stellt sich gegen den Kaiser!“ (Joh.19.12).

Eine solche Vorgehensweise ist nicht auf das Volk Israel damals beschränkt. Überall, wo Herrschaft mit Legitimation des Volkes ausgeübt wird, sind Machthaber auf ein gewisses Maß an Akzeptanz ihrer Handlungen in der Bevölkerung angewiesen. Und wenn sie gegen eine öffentlich auftretende Person oder Personengruppe vorgehen wollen, brauchen sie eine konsensfähige Legitimation hierfür, um sich einen Rückhalt im Volk zu schaffen. Wieviel mehr, wenn dieser Gegner durch sein Auftreten eklatante Missstände im Verständnis der strukturschaffenden Prinzipien – kurz: die Heuchelei der Herrscher – bloßzustellen droht.

Diesen Rückhalt versuchen die Pharisäer durch die Bezichtigung des in ihrer Gesellschaft schlimmsten denkbaren Vergehens zu schaffen: Sie unterstellen Jesus eine gottesfeindliche Gesinnung.

Um die Tragweite des Vorwurfs und die Arglistigkeit des Vorgehens mit unserer heutigen Prägung gänzlich erfassen zu können – denn der Vorwurf der Gottesfeindschaft erzeugt in unserer Gesellschaft nicht annähernd die Durchschlagskraft, wie er das in Jesus‘ Zeit und Gesellschaft tat – kann man eine heutige Analogie dazu entwerfen und sich anschauen, was für unsere Gesellschaft die strukturschaffenden Prinzipien sind.

Während die Macht der Führungselite zur damaligen Zeit auf Schriftkenntnis und Gottesfurcht ruhte, basiert sie heute in unserer Gesellschaft auf demokratischen Prinzipien. Unsere führenden Politiker sind demokratisch legitimiert und unsere Gesellschaftsstruktur ist an der freiheitlich demokratischen Grundordnung ausgerichtet. Deren Prinzipien sind sozusagen breiter gesellschaftlicher Konsens und wir sind uns ihrer tragenden Bedeutung für unsere gesamte Gesellschaftsstruktur bewusst.

Politischer Gegner der Pharisäer war derjenige, der das korrekte Verständnis der heiligen Schriften lehrte und damit ihr falsches Verständnis bloßstellt. Diesen mussten sie zum „Gottesfeind“ erklären. Politischer Gegner heute wäre, wer an das korrekte Verständnis von Demokratie mahnte und damit direkt oder indirekt führende Politiker anklagte, gegen selbiges zu verstoßen. Gegen einen solchen könnte der Vorwurf „Demokratiefeind“ oder „Antidemokrat“ erhoben werden. Gelänge es, den Anschuldigungen mit Vehemenz und Nachdruck den Schein von Glaubwürdigkeit zu verleihen, würde der so Genannte an Ansehen und Rückhalt in der Bevölkerung verlieren. Denn mit einer demokratiefeindlichen Gesinnung stellt man schlussendlich unser Gesellschaftssystem infrage und antidemokratische Tendenzen können unsere Gesellschaftsstruktur gefährden. Der Status des Systemfeindes könnte sich bezogen auf einen sog. ‚Antidemokraten‘ durchsetzen.

Doch ein solches Vorgehen wäre doch für heute völlig undenkbar, oder?

Niccolò Macchiavelli schrieb über den Fürsten und die Prinzipien seiner Machtausübung: „Ich wage zu behaupten, dass es sehr nachteilig ist, stets redlich zu sein; aber fromm, treu, menschlich, gottesfürchtig, redlich zu scheinen, ist sehr nützlich. […] Er [der Fürst] muss also einen Geist besitzen, der geschickt ist, sich so, wie es die Winde und abwechselnden Glücksfälle fordern, zu wandeln“[1].

Diese Worte stammen aus seinem Werk „Der Fürst“. Hierin beschreibt er um 1513 die kalkulierte Taktik politischer Macht. Die Frage, ob seine Thesen für solche, die Politik betreiben unerlässlich und daher legitim oder als unmoralisch abzulehnen sind, wird bis heute diskutiert. Und ob die Gesellschaftslenker unserer nach-postmodernen Gesellschaft noch in der Gefahr unlauteren politischen Kalküls stehen, muss jeder selbst entscheiden.

Aus der Bibel wissen wir aber um den Zustand des menschlichen Herzens, nämlich, dass sein Trachten böse ist von seiner Jugend an (1.Mo.8:21). Und da ist kein Unterschied zwischen mächtigen und ohnmächtigen Menschen: Wir alle stehen ohne Gott in der Gefahr, den falschen Motiven in unseren Herzen Raum zu geben und falsche Entscheidungen zu treffen. Und weil die Entscheidungen der Mächtigen eines Landes Konsequenzen für eine so große Vielzahl von Menschen haben, fordert uns die Bibel dazu auf, für unsere Machthaber zu beten. Denn da, wo der Geist Gottes ein Herz regiert, wird keine falsche Anklage erhoben und können die Nachfolger Gottes „ein ruhiges und stilles Leben führen in aller Gottesfurcht und Ehrbarkeit“ (1.Tim. 2:1,2).


[1] Macchiavelli: Der Fürst. 10. Auflage, Frankfurt am Main 2018, S. 71.

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