Rückblick und Analyse der GK-Jahressitzung 2016

12. Oktober 2016, advindicate.com, Kevin Paulson_

Am 11. Oktober 2016 stimmte die Jahressitzung des Exekutivausschusses der Generalkonferenz für ein Verfahren zum Umgang mit Gemeindeorganisationen, die sich nicht an die Beschlüsse der adventistischen Weltgemeinde halten.

Es geht um einen einjährigen, in zwei Phasen aufgeteilten Prozess zur Versöhnung, der von den Verantwortlichen für die Verbände und Vereinigungen, die von den Beschlüssen der weltweiten Adventgemeinde abweichen, durchgeführt werden soll („Recommendation on Non-Compliance to Go to Annual Council“, Adventist Review, 6.10.2016). Das Verfahren soll bis zur nächsten Jahressitzung 2017 abgeschlossen sein. Sollte keine Versöhnung zustande kommen, folgen weitere Schritte.

Das gestern verabschiedete Dokument besagt, die Generalkonferenz beteilige sich an jedem Verfahren dieser Art, wo es um die Glaubensüberzeugungen oder Beschlüsse der Weltkirche gehe. Im Wortlaut des Dokuments:

Wenn es um biblische Grundsätze, wie sie in den Glaubenspunkten ausgedrückt sind, oder weltweit geltende Beschlüsse geht, wird sich die Generalkonferenz einschalten

Diskussion und Entscheidung

Nachdem das von Wilson und anderen Kirchenleitern verfasste Dokument vorgestellt worden war, folgte eine zweistündige Diskussion. Nahezu alle Gegner des Dokuments waren Sitzungsteilnehmer und Gäste aus westlichen Ländern, während die Befürworter eine bunte Mischung aus Sitzungsteilnehmern und Gästen aus westlichen und Dritte-Welt-Ländern waren. (Ein ausführlicher Artikel über die wichtigen Momente der Diskussion kann auf ordinationtruth.com gelesen werden.) Gegen Ende der Diskussion fand kurz nach 18:00 Uhr eine geheime Abstimmung statt. Mit 169 zu 122 Stimmen wurde für das Dokument gestimmt – das ist eine Mehrheit von 58 % und identisch mit der Abstimmung letztes Jahr in San Antonio, dass Divisionen nicht ihre eigenen Ordinationsregeln bestimmen dürfen.

Rückblick und Analyse

Die wesentlichen Punkte in der gestrigen Diskussion und Entscheidung der Jahressitzung waren für mich:


1. Die Autorität der Bibel und der Generalkonferenz bestimmen noch immer den Kurs der weltweiten Adventgemeinde. – Obwohl sich die Mehrheit der Sprecher gestern gegen den Vorschlag der Generalkonferenz aussprach, waren die Gegner nach der Abstimmung in der Minderheit. Mein Eindruck war, dass einige Vertreter aus Dritte-Welt-Ländern sich aufgrund verschiedener Diskussionsbeiträge der Wichtigkeit des Dokuments nicht ganz bewusst waren. Feine Wortunterschiede können aufgrund der Sprachbarrieren verwirrend sein. Einige Teilnehmer schienen die Bedeutsamkeit des Themas nicht ganz begriffen zu haben. (Auch Billy Biaggi, ein GK-Vizepräsident, bemerkte diese Tatsache während der Diskussion.) Möglicherweise wäre die Angelegenheit mit bedeutend größerer Zustimmung angenommen worden, wären sich alle ihrer Wichtigkeit bewusst gewesen wären.


2. Obwohl viele in der Diskussion versuchten, die Sache als Kontroverse über Richtlinien statt über biblische Autorität darzustellen, wurde dies klar widerlegt. – Jay Gallimore, Vorsteher der Michigan-Vereinigung, machte diesen Punkt gegen Ende der Diskussion sehr deutlich, als er sagte: Es enttäuscht mich, dass die Frage, der die Generalkonferenz in San Antonio gegenüberstand, nur als geringfügige Richtlinie dargestellt wird. Der Antrag erforderte eine auf die Bibel und den Geist der Weissagung gestützte Entscheidung.

Der Wortlaut des Antrags, der an die Delegierten in San Antonio gerichtet war, bestätigt Gallimores Aussage. Der Antrag lautete:

Ist es nach Gebet und Studium der Ordination anhand der Bibel, der Schriften Ellen G. Whites und den Berichten der Studienkommission sowie nach sorgfältiger Überlegung, was für die Gemeinde und die Erfüllung ihres Auftrags am besten ist, vertretbar, dass Exekutivausschüsse der Divisionen bei Bedarf in ihren Gebieten Vorkehrungen für die Ordination von Frauen zum Predigtdienst treffen? Ja oder nein?

Zwar mag die Rolle der Geschlechter im Dienst keine offizielle Lehre der Gemeinde sein, noch ist sie Teil unserer Glaubenspunkte; dennoch wurde diese Angelegenheit in San Antonio auf der Grundlage inspirierter Zeugnisse klar entschieden – zum ersten Mal in der Geschichte der Generalkonferenzen mit diesem Thema. Es war unbedingt erforderlich, dass dieser Punkt erwähnt wurde, bevor die Jahressitzung ihre Entscheidung traf. Dank sei Gott, dass er auch angesprochen wurde.


3. Die Mehrheit besteht nicht immer aus lauten, prominenten Stimmen. – Ich denke an den Parteitag der Demokraten 1960, als während der Nominierung eine lange, laute Demonstration für den vorigen Gouverneur von Illinois, Adlai Stevenson, stattfand. Das Ausmaß und die Lautstärke der Demonstration machte Joseph Kennedy, den Vater von John F. Kennedy, ziemlich nervös. Doch John versicherte seinem Vater: „Mach dir keine Sorgen, Vater. Stevenson hat alles, nur keine Delegierten.“ Die Entscheidung der Delegierten zeigte, dass er recht hatte.

Viele Adventisten in westlichen Ländern, die die kürzliche Diskussion mitverfolgt haben, mögen sich noch an diese Aussage von John F. Kennedy erinnern. Lärm ist nicht gleich Masse. In der Kontroverse über Frauenordination im heutigen Adventismus bestätigt sich das erneut, insbesondere bei der kürzlichen Diskussion der Jahressitzung. Die Befürworter der Frauenordination haben zwar oft ihre Stimme erhoben, doch die Mehrheit der globalen Adventgemeinde ist anderer Ansicht.


4. Noch nie zuvor hat die Weltgemeinde Abweichlern von den Gemeinderegeln zur Ordination ein Ultimatum gesetzt. – Jeder Prediger (oder auch Administrator) versteht den Unterschied zwischen einer persönlichen administrativen Ermahnung und einem öffentlichen Ultimatum von der obersten Instanz, der sowohl die Leiter als auch die Menschen, die ihnen unterstehen, verantwortlich sind.

Die Abstimmung der Jahressitzung ist kein Déjà-vu. Noch nie zuvor in der Geschichte der adventistischen Ordinationsdiskussion wurde vom Exekutivausschuss der Generalkonferenz ein befristetes öffentliches Verfahren eingeleitet, um Versöhnung mit denen herbeizuführen, die sich den Ordinationsregeln der Gemeinde widersetzen, und um die Einhaltung der Gemeindeordnung zu bewirken. Wir sollten dabei nicht vergessen, dass die Gemeinde geschlechtsspezifische Regeln für die Ordination von Predigern hat. Die Arbeitsrichtlinien [Working Policy] der Generalkonferenz sagen:

Die Einsetzung von Personen als Bibellehrer oder Geistliche sowie in Abteilungs- oder Pastoralämter soll nicht von Rasse oder Hautfarbe abhängen, noch sollen diese Positionen durch das Geschlecht beschränkt werden (ausgenommen solche, die eine Ordination zum Predigtdienst erfordern). (General Conference Working Policy, Ausg. 2015-16, S. 118)

Für Übertreter dieser Vorgabe wird es jetzt wirklich ernst. Sie haben ein Jahr Zeit, um ihre lokalen Vorgehensweisen und Richtlinien an die gewählten Beschlüsse der Weltgemeinde anzupassen. Das ist ganz neu in der adventistischen Ordinationskrise. Von denen, die nicht mit den Beschlüssen der weltweiten Gemeinde übereinstimmen, wird ein Kurswechsel erwartet, wenn sie nicht den ernsten Konsequenzen ins Auge sehen wollen, die unser GK-Präsident in der Vergangenheit erwähnt hat.


5. Die Generalkonferenz kann nicht als „zahnloser Tiger“ abgetan werden, wie Kritiker auf beiden Seiten des Konflikts gelegentlich bemerkten. – Wäre die Generalkonferenz in ihrer Führungsposition hilflos oder einfach nicht willens, die Rebellion bestimmter Kirchenleiter bezüglich der Ordinationsregeln der Weltgemeinde zu unterbinden, hätte das durch die Jahressitzung beschlossene Verfahren nicht so eine entschiedene, lautstarke Gegenwehr der Befürworter der Frauenordination hervorgerufen. Wenn dieser Beschluss des GK-Exekutivausschusses wieder nur leere Worte wäre, gäbe es keinen Grund für die zahlreichen bekannten und offiziellen Stimmen in den westlichen Gebieten der Gemeinde, die ihren Ruf und ihre Stellung innerhalb der Gemeinde riskieren, um sich öffentlich vor den Augen der Wählerschaft und anderer gegen diese Maßnahme der Generalkonferenz auszusprechen.


6. Während die Gegner der GK-Vorlage erneut erklärten, die Gemeinde riskiere ihre Jugend durch eine geschlechtsspezifische Ordination zum Predigtdienst, äußerte sich die einzige Jugendliche während der Ausführungen gestern zugunsten des Vorschlags. – Natasha Dysinger (geb. Neblett), ehemalige Vorsitzende von Generation of Youth for Christ (GYC), war die einzige Jugendliche, die sich auf der Generalkonferenz in San Antonio an der Diskussion über Ordination beteiligt hatte. Sie hatte sich deutlich gegen die Forderung ausgesprochen, jede Division solle selbst entscheiden, ob sie Predigerinnen ordiniere oder nicht. Als gestern während der Jahressitzung viele Stimmen aufkamen, die Gemeinde verliere ihre junge Generation, wenn sie die Frauenordination nicht einführe, sprach sie sich erneut aufgrund ihrer biblisch fundierten Überzeugungen gegen die Ordination von Frauen aus. Die Tatsache, dass Natasha eine Frau und außerdem noch jung ist, lässt ihre Aussage umso schwerer wiegen.

Es ist erstaunlich, wenn man darüber nachdenkt. Die Befürworter der Frauenordination und ähnlicher Fragen in der Gemeinde behaupten seit Jahren, die Gemeindejugend stände hinter ihnen. Vor der Generalkonferenz 2015 verfassten die Studentenführer der Nordamerikanischen Division eine Stellungnahme, die u. a. auch die Frauenordination befürwortete. Auf der Jahresschluss-Versammlung 2015 der Nordamerikanischen Division (nach der Generalkonferenz 2015) äußerten sie erneut ihre Ansichten über die Gemeinde, und einige kritisierten die Entscheidung der Generalkonferenz über Ordination heftig (Student Leaders Discuss the Direction of the Church in North America). Doch aus irgendeinem Grund war keiner dieser Studentenführer bereit – vorausgesetzt, sie waren Delegierte auf der Generalkonferenz, was angesichts ihrer Einstellung durchaus vorstellbar wäre –, die versammelte Weltgemeinde vor dem Verlust ihrer jungen Generation zu warnen, wenn Männer und Frauen nicht die gleichen Rollen im adventistischen Dienst übernehmen könnten. Auch gab es keine jungen Menschen, die sich bei der Jahressitzung für die Frauenordination und gegen den Vorschlag der Generalkonferenz aussprachen – sofern sie überhaupt anwesend waren.

Wer der Illusion anhängt, liberale theologische Fragen wie die Frauenordination spiegelten das geistliche Verständnis der heutigen Adventjugend wider, achte auf die steigenden Teilnehmerzahlen der jährlichen GYC-Versammlung, die andere Jugendveranstaltungen im westlich geprägten Adventismus um Tausende übersteigen. Die Offenheit der ehemaligen GYC-Vorsitzenden zugunsten der biblisch fundierten Ordinationspraxis der Gemeinde drückt die Überzeugung vieler Jugendliche innerhalb der Gemeinde aus, auch wenn „liberale“ Adventisten dies nicht eingestehen wollen.


7. Die Gemeinde der Siebenten-Tags-Adventisten ist mit dem jetzigen GK-Präsidenten als Weltleiter sehr gesegnet. – Wer die Eröffnungs- und Schlussansprache von Ted Wilson zu dieser Diskussion der Jahressitzung gehört hat, kann nur berührt sein von dem bedächtigen, würdevollen, mutigen und barmherzigen Tonfall des Mannes, dem der Schutz und die Führung der großartigen Adventbewegung heute anvertraut ist (14).


Zusammenfassung Raue Winde erwarten Gottes Gemeinde. Ein sturmgepeitschtes Meer liegt vor uns. Die besagte Abstimmung sollte denen, die nach Treue streben, Mut machen. Gott führt seine Gemeinde noch immer. Und eines Tages, schon sehr bald, wird sich folgende inspirierte Vorhersage erfüllen:

Die Gemeinde, beschenkt mit der Gerechtigkeit Christi, ist seine Hüterin, in der die Fülle seiner Barmherzigkeit, Liebe und Gnade in offener und endgültiger Darstellung erscheinen soll … Die reiche, völlige und überfließende Gabe seines Heiligen Geistes soll die Gemeinde wie eine feurige Mauer umgeben, gegen die die Mächte der Hölle wirkungslos sind. Christus sieht in der makellosen Reinheit und unbefleckten Vollkommenheit seines Volkes den Lohn all seines Leidens, seiner Demütigungen und seiner Liebe, den Reichtum seiner Herrlichkeit. (Ellen White, Testimonies to Ministers, S. 18f.)


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