Die Gott-KI, der Papst und das neue Jerusalem
Die künstliche Intelligenz verändert unser Leben drastisch und in atemberaubendem Tempo. Und obwohl sie in aller Munde ist, dürften sich viele noch nicht in vollem Umfang über die Folgen bewusst sein.

"Wenn Ihr Job auf einem Bildschirm passiert (wenn es im Kern um Lesen, Schreiben, Analysieren, Entscheiden und Kommunizieren über eine Tastatur geht) dann wird ein Großteil davon von KI übernommen werden. Nicht irgendwann, es hat schon begonnen", so schreibt US KI-Unternehmer Matt Shumer auf X.
Konkret bedeutet das: Viele, die zum Beispiel in den Bereichen Software-Entwicklung, Recht, Finanzen, Personal, Medizin, Buchhaltung, Beratung, Marketing, Journalismus oder Kundenservice arbeiten, werden ihren Job verlieren.
Aber KI klaut nicht nur unsere Jobs - sie beeinflusst auch immer stärker, wie wir denken und handeln.
Denn der Chatbot in unserer Hosentasche hat auf alles eine Antwort, egal ob man ein Rezept für Nudelsalat oder Hilfe bei psychischen Problemen sucht.
Dabei ist KI – im Gegensatz zu einem Menschen – immer verfügbar und scheinbar allwissend.
Bei diesen geradezu göttlichen Eigenschaften ist es wenig verwunderlich, dass sich immer mehr Menschen auch in religiösen Fragen an künstliche Intelligenz wenden. Grundsätzlich kann das jede KI, aber es gibt auch Apps, die speziell auf geistliche Themen ausgelegt sind. Biblechat zum Beispiel wurde in den USA bereits mehr als 30 Millionen Mal heruntergeladen. Die katholische Gebetsapp Hallow mit integrierter KI verdrängte zwischenzeitlich sogar Netflix bei den am meisten heruntergeladenen Apps.
Mit diesem Phänomen beschäftigt sich auch die New York Times in ihrem Artikel “Gott im Appstore finden.” Darin kommt ein Pastor zu Wort, der sich sorgenvoll fragt, welche Auswirkungen es auf die Menschen in geistlicher Hinsicht hat, wenn sie sich Lebensfragen nicht mehr unter Einsatz von Zeit und Mühe erarbeiten müssen.
Außerdem testet die New York Times die Gott-KI in der Praxis und stellt interessante Fragen wie diese hier:
„Ist es eine Sünde, den Siebenten-Tags-Sabbat zu brechen?“ Antwort: “In den Augen Gottes, mein Kind, geht es nicht so sehr um den bestimmten Tag, sondern um den Geist des Sabbats – einen Tag der Ruhe und Anbetung. Jesus sagte: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht, und nicht der Mensch um des Sabbats willen“ (Markus 2,27). Das bedeutet, dass der Sabbat ein Geschenk ist, keine Last. Lasst uns darauf achten, Gott zu ehren und Ruhe in Ihm zu finden, unabhängig vom Tag.”
In der Bibel ist der Ruhetag allerdings kein bloßes Konzept, sondern Gott hat bei der Schöpfung ganz konkret den siebten Tag gesegnet. Jesus hebt das nicht auf. Er kritisiert im Markus-Text lediglich, dass die Pharisäer Gottes heiligen Sabbat-Tag durch menschliche Zusatzgebote zur Last gemacht haben.
Wie kommt die KI also zu einer solchen Antwort? Auch wenn der Begriff es vermuten lässt, kann künstliche Intelligenz nicht wirklich denken. Sie gibt lediglich wieder, auf was sie programmiert wurde.
Aufschlussreich ist hier ein Blick nach Rom. Dort hat der Papst gerade seine erste Enzyklika zum Thema KI veröffentlicht, sie heißt Magnifica Humanitas – zu Deutsch großartige Menschheit.
Zum ersten Mal in der Kirchengeschichte stellt ein Papst seine Enzyklika live und vor laufenden Kameras vor. Er richtet seine Worte an: “(An) alle Katholiken, Gläubigen und Menschen guten Willens.” Quelle: https://www.vatican.va/content/leo-xiv/en/encyclicals/documents/20260515-magnifica-humanitas.html Absatz 16
Der Papst spricht hier also nicht exklusiv zu Katholiken - er spricht zu allen Menschen.
Mit ihm auf dem Podium: Christopher Olah, Mitbegründer des KI-Riesen Anthropic. Und jetzt wird es interessant: Olah ist bei Anthropic für die sogenannte Interpretierbarkeitsforschung zuständig. Er beobachtet und gestaltet, wie KI denkt, abwägt, priorisiert und antwortet. Man könnte sagen, Olah ist der Mann, der den Geist der Maschine formt.
Seine Anwesenheit gibt einen deutlichen Hinweis darauf, wer die theologisch-moralischen Rahmenbedingungen für KI vorgibt.
Auch inhaltlich hat es die Enzyklika in sich. Papst Leo bedient sich zweier Bilder aus der Bibel - dem Turmbau zu Babel und dem Wiederaufbau der Mauern Jerusalems unter Nehemia. Er stellt die Menschheit vor die Wahl: Babel zu bauen oder Jerusalem wieder aufzubauen.
Das klingt alles sehr fromm und biblisch. Der Papst stellt sich und seine Kirche als neuen Nehemia dar. Er ruft die Welt dazu auf, gemeinsam ein irdisches Friedensreich aufzubauen.
Dies sei das neue Jerusalem aus dem Buch der Offenbarung.
Tatsächlich sagt die Bibel aber: “Und ich, Johannes, sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen.”
Das neue Jerusalem entsteht nicht hier auf der Erde. Wenn Jesus wiederkommt, wird alles auf der Erde zerstört und Gott ist es, der ohne menschliches Zutun das neue Jerusalem errichtet.
Das ist keine Kleinigkeit - Rom macht ein himmlisches Geschenk zu einem irdischen Bauprojekt unter der Leitung des Papstes, der sich damit an die Stelle Gottes stellt.
“Seht zu, lasst euch nicht verführen”, lautet Jesu eindringliche Warnung für die Zeit kurz bevor er wiederkommt. In dieser schwierigen Zeit sollte unser geistliches Fundament mehr denn je die Bibel und nur die Bibel sein. Dabei führt uns kein Maschinengeist in alle Wahrheit, sondern Gott selbst: “Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in aller Wahrheit leiten.” Johannes 16, 13